Das kleine Utensil hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Zunächst sagte uns die Regierung, dass es zur Bekämpfung von Corona nichts taugt. Wir wunderten uns, warum es die Asiaten gewohnheitsmäßig tragen. Später wurde es uns unter Strafandrohung verordnet. Wir sollen es in Geschäften, in öffentlichen Räumen, in Tram, Bus und Bahn tragen. Jetzt zweifeln namhafte Virologen und Gesundheitsexperten die Wirksamkeit dieser Maßnahme an. Sie meinen, die Tragepflicht solle rasch gelockert werden, weil das Teil mehr schadet als nützt. Das hatten wir doch schon.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Rede ist vom Mund-Nasen-Schutz, kurz MNS genannt. Verängstigte Menschen tragen ihn, wenn sie allein im Auto unterwegs sind, also vor dem Steuer sitzen und keinen Beifahrer neben oder hinter sich haben. Oder sie schnallen sich einen MNS ins Gesicht, wenn sie eine Wanderung machen. Aus meiner Sicht wäre es schade um dieses Utensil, es ist inzwischen zu einem begehrten Modeartikel geworden. In den Supermärkten bekommt man es in hellblau, die Bänder zur Befestigung sind weiß. Im Internet gibt es Varianten in verschiedenen Farben, der Stoff und die Bänder sind farblich aufeinander abgestimmt. Es werden sogar Kombinationen angeboten: Der passende Mundschutz zur jeweiligen Bekleidung. Tragen Sie eine Bluse und einen MNS aus demselben Stoff! Das ist ein Versuch, durch Mode Individualität herzustellen. Aber wer garantiert, dass nicht der Nachbar denselben MNS auf derselben Website bestellt hat?

Inzwischen hat das Utensil auch die Sprachschöpfer animiert, sie erfanden mundartliche Ausdrücke. Einige zielen darauf ab, dass der MNS von vielen nicht ordnungsgemäß verwendet wird. Im Supermarkt sehe ich Menschen, die den Mundschutz widerrechtlich auf das Kinn oder noch weiter heruntergezogen haben. Dann ist er eine Godernschürzn. Auch das ist nicht im Sinne des Erfinders.

Ist der Mund verhüllt, während die Nase freibleibt, spricht man von einem Pappenfetzerl oder einem Goschenvorhang. Dabei sollte doch das Fetzerl dem Schutz anderer durch das Zurückhalten der Tröpfchen dienen, auch beim Niesen! Aber Hand aufs Herz: Haben Sie schon einmal in den Mund-Nasen-Schutz hineingeniest? Es ist auch nicht einfach, ihn anzulegen oder abzunehmen, der Stoff sollte niemals berührt werden. Selbst das epidemiologische Quartett, bestehend aus Kanzler, Vizekanzler und zwei Bundesministern, agierte bei den täglichen Pressekonferenzen in dieser Hinsicht nicht immer vorbildlich.

Wenn der MNS alles bedeckt, was zu bedecken ist, bezeichnet man ihn als Pfrnakbarterl (© Dieter Chmelar) oder als Nosntanga. Pfrnak ist ein alter wienerischer Ausdruck aus dem Tschechischen für den Gesichtserker, Barterl ist ein Vorbindelatz für Kinder. Das Wort Nosntanga soll Assoziationen mit einem Bekleidungsstück wecken, das ebenfalls mit Bändern fixiert wird und das ebenfalls nur das bedeckt, was unbedingt zu bedecken ist. Diesen bildhaften Ausdruck hat der Volksmund geprägt. Die noblen Herrschaften reden anders. "Alexander, zieh dein Gesichtstüchlein hinauf! Wir sind nicht unter uns!"