Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Dem chinesischen Bestseller-Autor Sun Tsu wird folgendes Zitat in den Mund gelegt: "Sei schwierig zu fassen, bis zum Punkt der Formlosigkeit. Agiere äußerst geheimnisvoll, auf dass dich dein Gegner niemals verstehe."

Über Sun Tsu, der für Historiker eine schwierig zu fassende und geheimnisvolle Figur blieb, gibt es wenige gesicherte Informationen. Manche meinen sogar, nicht bloß ein, sondern mehrere Militär-Strategen hätten "Die Kunst des Krieges" ergänzt und fortgeschrieben. Wie auch immer - der Staat Wu, für den Sun Tsu angeblich als Kriegsherr tätig war, lag zwischen feindlichen Reichen und Gelbem Meer. Nicht einmal zweieinhalb tausend Jahre später befindet sich die Brigittenau in der gleichen Situation wie seinerzeit Wu: Rund um den Bezirk regieren Verderbnis und Chaos. Dunkle Mächte wollen dem Volk der Brigittenauer genau das streitig machen, was seinem Vorsteher lieb und teuer ist: das Automobil.

Nur gut, dass in den oberen Etagen des Bezirksamtes am Brigittaplatz findige Köpfe sitzen, die sich gegen Pop-up-Radwege, Begegnungszonen, Tempo-Limits und sonstige Narreteien, die freie Bürger an der freien Autofahrt hindern, wohl zu wehren wissen. Dieser Tage gelang der Bezirksvorstehung neuerlich ein taktisches Meisterstück, das ganz im Sinn von Meister Sun gewesen wäre: Auf die Initiative "Platz für Wien" und die Forderung von Bürgerinnen und Bürgern, auch im 20. Bezirk eine Begegnungszone einzurichten, reagierte man unerwartet: Es wurde eine Begegnungszone errichtet. Allerdings am Brigittenauer Sporn.

Für Nicht-Ortskundige: Dabei handelt es sich um jenen Zipfel am nördlichsten Rand des Bezirks, der den Donaukanal von der Donau trennt. Ein unbewohntes Niemandsland, durchzogen von einer Straße, die die Schemerl-Brücke mit dem Handelskai verbindet. Seit zwei Wochen stehen hier vier Verkehrsschilder und weisen ein hundert Meter langes Straßenstück als "Begegnungszone" aus. Die Brigittenauer Bezirksvorstehung darf sich also mit Recht rühmen, Wiens erste Begegnungszone in einem Gebiet mit einer Bevölkerungsdichte von null Einwohnern errichtet zu haben. Während von Begegnungszonen anderswo Familien, Flanierer, Radfahrer und Geschäftsleute profitieren, begegnen einander am Brigittenauer Sporn allenfalls dicke Igel und drollige Häschen.

Diese Meisterleistung verdient Würdigung. So ein beispielhaftes Wirken sollte auch in zweieinhalbtausend Jahren nicht vergessen sein! Vielleicht gelingt es den Bezirks-Generälen ja, einen weiteren Leitsatz in die "Kunst des Krieges" zu schmuggeln: "Handle so einfältig, dass deine Gegner nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen."