Jetzt bin ich also ein "Mensch mit Beeinträchtigung". Jemand "mit besonderen Bedürfnissen". Dabei hab ich bloß EIN Bedürfnis. Und das ist eigentlich überhaupt nix Besonderes. Ich will lediglich, dass das endlich aufhört. Meine Behinderung stört mich nämlich. No na, schließlich hängt sie mir direkt vorm Gesicht. MNS, das KLINGT ja bereits wie eine Krankheit. Und seit ich das hab, fühl ich mich auch so: krank.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich kurzsichtig bin. Na und? Es GIBT keine schlechten Augen, nur die falsche Brille! Tja, das war einmal. Bevor man diesen Mund-Nasen-Schutz (MNS) tragen hat müssen. Seither ist JEDE Brille die falsche. Meine hat neun Dioptrien und die beschlagen nun andauernd. Alle neun gleichzeitig. "Schau auf dich, schau auf mich" - diesen depperten Spruch kann ich echt nimmer hören. Schauen tu ich eh, aber sehen würd‘ ich halt auch gern was. Statt ständig so "benebelt" zu sein, dass ich beim Billa ein Rindsgulasch nicht von einer Dose Hundefutter unterscheiden kann. Und ich mag beides nicht.

Inzwischen hab ich wirklich alles probiert. Okay, Zahnpasta hab ich keine auf die Gläser geschmiert. Obwohl ich den "Nebel des Grauens" so vermutlich besiegt hätte. (Und welches Hausmittel hätte dann gegen die Zahnpasta geholfen?) Jedenfalls hab ich meine Maske mit Taschentüchln ausgestopft (um die Feuchtigkeit aus meinem Atem zu filtern), einen Draht eingenäht, damit die warme Luft nicht nach oben entweicht, ein Brillenträger hat mir sein Geheimnis verraten, warum SEINE Brille NIE beschlägt ("I trog sie einfach weiter oben" - in den Haaren nämlich), und sogar professionelle Hilfe hab ich mir gesucht: "Antifog - für klare Sicht. Mit dem einzigartigen Applikator leicht über das Glas streichen . . ." Einzigartig war vor allem der Preis: 13 Euro! Für 30 Milliliter Enttäuschung! Die Zahnpasta hätte es billiger verbockt. He, die "Flötenatmung" könnte ich noch versuchen. Denn ich weiß genau, wie man in eine Flöte reinbläst. Hab ich in der Volksschule gelernt. Lippen spitzen und "dü, dü, dü" sagen. Ach, lieber NICHT "Flötenatmen". Sonst glauben die Leute, ich hätte das Tourettesyndrom. Oder eine posttraumatische Belastungsstörung als Folge der Blockflötenfrühpädagogik.

Ob ich die Kultur jemals wieder von innen sehen werde? (Betonung auf "sehen".) Gut, im Museum kann ich mir mit

einem Trick behelfen. Von allen Exponaten mit dem Handy Fotos machen und die schau ich mir nachher daheim an. Aber im Theater? Dort darf man sicher nicht mitfilmen. Nicht einmal, wenn man behindert ist. Gilt

fürs Kino genauso. Wurscht. Ich geh sowieso nicht hin, wenn

ich mich maskieren muss. Außerdem: Wie krieg ich durch dieses Fetzerl das Popcorn durch? Und wenn die Maskenpflicht doch nicht kommt? Brächten mich keine zehn Babyelefanten in ein Theater oder Kino rein, wo ich den Tröpfchen dann schutzlos ausgeliefert wäre. Und in einen Konzertsaal schon gar nicht. So wie da herumgehustet wird, könnte ich ja GLEICH in einer Après-Ski-Bar in Ischgl einkehren. Die Kultur werden also wohl andere retten müssen. Ich bleib auf meinem Sofa. Das ist wenigstens ein Platz ohne Sichteinschränkung.