Jetzt sind die paar Wochen, wo die meisten Wiener – weniger aus Veranlagung als mehr aus Angst vor dem Unsichtbaren – freundlich, zuvorkommend und nett zueinander waren, auch schon wieder Vergangenheit. Besonders Radfahrer merken den Unterschied. Als wir kaum was durften, außer auf das Fahrrad zu steigen, um über die Donauinsel zu fahren, haben uns sogar die Autofahrer höflich durchgewunken. Auf einmal waren alle gleich im Straßenverkehr. Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, egal, Hauptsache wir fahren nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in den Schrebergarten, Hauptsache auch auf der Straße kommt sich keiner zu nahe. Gelaufen. Gerade kriege ich den ersten Vogel gezeigt. Obwohl ich auch nicht anders gefahren bin als die Wochen zuvor.
Der Vogel kommt aus einem Fahrschulauto. Das wütende Hupen auch. Zugegeben, auch mir ist ein schöner Begriff aus der Wiener Unterwelt ausgekommen. Aber gleich danach ging es mir besser. Dem aufgeregten Herrn im Auto anscheinend auch. Zumindest wurde nicht mehr gehupt. Der Fahrschüler hat die ganze Zeit über kein einziges Wort von sich gegeben. Ich denke, er hat gegrinst unter seiner Maske. Ich denke, dass er auf meiner Seite war. Trotzdem bin ich nach kurzer Diskussion zügig weitergefahren. Ein Fahrschüler als einziger Entlastungszeuge weit und breit tut selten gut, wenn du einen Disput auf offener Straße hast.
Allmählich hinterlässt die Krise tiefe Spuren in uns allen. Eventuell sollten die zuständigen Stellen Verkehrspsychologen statt Streifenpolizisten auf die Straßen schicken. Könnte deeskalierend wirken. Ich persönlich zum Beispiel, der ich vorher ein ganz normaler Wiener mit Hang zu Gasthaus, Grant und Gemütlichkeit gewesen bin, balanciere schon seit Tagen auf einem sehr, sehr schmalen Grad zwischen Buddhist und Berserker. Gefangen zwischen alles wurscht und alles wütend. Zum Berserker fehlt mir der Body, zum Buddhisten die Balance. Trotzdem gefährlich. Der Buddhist vergisst schnell, dass ihm der Body zum Berserker fehlt. Alte Zen-Regel. Sagt einem bloß beim Yoga keiner.