In "Menschen und Mächte. Jahrzehnte in Rot Weiß Rot" waren am Montag Filmdokumente aus den 1960er Jahren zu sehen. In der ORF-Sendung ging es auch um den Fall Taras Borodajkewycz. Der Mann war Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Wiener Hochschule für Welthandel. Vom 1. Dezember 1961 an schrieb der damals 19-jährige Student und spätere Finanzminister Ferdinand Lacina in einer Vorlesung die politischen Kommentare des Professors mit. Borodajkewycz lobte Adolf Hitlers Rede bei der Massenkundgebung auf dem Wiener Heldenplatz unmittelbar nach dem "Anschluss". Gegenüber rechtsgerichteten Studenten, die mit ihm sympathisierten, brüstete er sich: "Ich habe niemals meine Mitgliedschaft bei der NSDAP verleugnet, ich bin ja freiwillig beigetreten, zum Unterschied von manchen Zeitgenossen, die behaupten, sie seien dazu gezwungen worden." Ebenfalls vor laufender Kamera sagte er: "Sie wissen, dass ich Persönlichkeiten der Geschichte, die aus dem Judentum stammen, als solche deklariere, und ich werde das auch weiter tun, weil das meine Pflicht als Historiker ist."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Für Hannes Androsch war der Professor "eine romantisch-wirre Erscheinung". Es könne ja nicht das Prinzip gelten: Wenn ein Jude stolz ist, Jude zu sein, dann ist es nicht antisemitisch, wenn ein anderer sagt, das ist ein Bürger jüdischer Herkunft, dann ist das antisemitisch.

Lacina dokumentierte in einer Vorlesungsmitschrift die Aussagen von Borodajkewycz. Damit findet er bei Androsch, dem damaligen VSStÖ-Vorsitzenden, bis heute kein Verständnis: "In Mitschriften kann man alles Mögliche hineinschreiben. Es hat ja niemand die Authentizität überprüft." Lacina heute: "Es gab viele, die gemeint haben, man solle einen Schlussstrich ziehen, und Androsch würde ich dazu zählen."

Bei einer Demonstration fielen Rufe "Hoch Auschwitz". Lacina stand in unmittelbarer Nähe von jenem KZ-Überlebenden, der von einem Neonazi niedergeschlagen wurde und Tage später starb. Es war der erste politische Tote der Zweiten Republik, am Begräbnis nahmen tausende Menschen teil - es war auch ein Protest gegen die gescheiterte Entnazifizierung und die Verharmlosung des Rechtsextremismus. Ob Androsch dies anders bewertet, konnte man der Doku nicht entnehmen.

Es liegt mir fern, einen alten Mann, der politisch und wirtschaftlich erfolgreich war, zu belehren. Ich konterkariere seine Aussagen über Borodajkewycz mit einem Witz, den Sie auch in meinem eben erschienenen Buch "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln" finden. Es ist ein jüdischer Witz, der zeigt, dass Juden ein Recht haben, auf ihr Judentum stolz zu sein, während es Borodajkewycz darum ging, die Nazi-Lüge von der "jüdische Weltherrschaft" zu belegen und zu untermauern.

"Der Lehrer fragt seine Schüler: ,Wer von euch kann mir bedeutende historische Männer nennen, die der Menschheit große Dienste erwiesen haben?‘ - ,Marx‘, ruft einer. ,Einstein‘, sagt ein zweiter. ,Freud‘, meint ein dritter. ,Moses‘, antwortet ein anderer. ,Jesus‘, fällt noch einem ein. Da steht ein Schüler auf und fragt: ,Herr Lehrer, darf man auch einen Nicht-Juden nennen?‘"