Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Im Augenblick ist alles, was wir außerhalb unserer vier Wände tun, recht kompliziert: Wir treffen Bekannte auf der Straße, sollen ihnen aber nicht die Hand geben; wir wollen im Supermarkt Schokolade kaufen, müssen aber warten, bis der Platz vor dem Regal frei ist, weil wir sonst den Mindestabstand nicht einhalten können. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und jetzt auch das noch: Der Sommer steht vor der Tür. Im ersten Moment reagieren wir mit dem frühkindlich antrainierten Reflex der freudigen Erwartung von unbeschwerter Zeit samt Ortsveränderung. Doch sofort schaltet sich das Gehirn zu und holt uns ins Hier und Heute: Wie soll das funktionieren?

Lassen wir einmal das Wirrwarr von Einreisebeschränkungen und Gesundheitsattests beiseite und versuchen wir, uns einige Urlaubssituationen unter den herrschenden Bedingungen vorzustellen. Dabei ist Phantasie gefragt. Vielleicht sollten wir, wie es nun erlaubt ist, zunächst ein städtisches Schwimmbad aufsuchen und die dort gewonnenen Erfahrungen auf einen Aufenthalt am Wörthersee oder an der Nordseeküste übertragen. Oder so. Was mir heuer jedenfalls zugutekommt, ist meine gewohnheitsmäßige Nachlässigkeit, mich rechtzeitig auf ein Reiseziel festzulegen und die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen: Kein mühsames Stornieren von Hotelbuchungen, kein Gerangel mit Fluglinien um die Rückerstattung bereits bezahlter Tickets - auch kein Bedauern? Nein. Tiefstes Bedauern, diesmal nichts zu unternehmen, was die Bezeichnung "Reise" wirklich verdient.

Aber was soll’s: Ich will mich, so der Grenzbalken tatsächlich aufginge, nicht dem schizophrenen Gefühl aussetzen, das mich jedes Mal befällt, wenn ich auf die Straße trete: Zunächst sieht alles aus wie früher - und ist im nächsten Augenblick doch ganz fremdartig. Also: Urlaub nehmen und nicht fortfahren. Die Möglichkeiten, die nun bleiben, sind zwar begrenzt, manche davon aber durchaus reizvoll. Reisemagazine durchzublättern, ist Masochismus. Alte Ferienfotos anzusehen, empfiehlt sich schon eher. Wer allerdings seine Urlaubserlebnisse in Reisetagebüchern festgehalten hat, kann aus einem immensen Schatz schöpfen. Vieles von dem, was man erlebt hat, ist unter einem Berg anderer Erinnerungen verschüttet, manche Anekdote, die einem im Augenblick des Niederschreibens als unerhörtes Ereignis erschien, längst vergessen. Ärgernisse, denen man sich vor etlichen Jahren ausgesetzt sah, schrumpfen in der Rückschau zu Lappalien.

Ab und zu findet sich in einem solchen Büchlein die Adresse einer Reisebekanntschaft. Vielleicht hat, trotz gegenteiliger Beteuerungen, nie einer von beiden einen Brief abgeschickt - oder, falls in diesem Jahrhundert geschehen, ein kurzes E-Mail. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt zum Schreiben! Unserer Reisebekanntschaft geht es nämlich garantiert so wie uns selbst: An der gemeinsamen Leidenschaft gehindert und vom Wunsch erfüllt, eine Brücke von einem angenehmen Erlebnis in eine noch ungewisse Zukunft zu schlagen.