Wo wird man einst die erste elektrische Vespa am Stammbaum der Evolution der Zweiradtechnik einzeichnen? Das ist die Frage, die mich gerade beschäftigt.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Die Schautafel, die ich imaginiere, kennt zwei Möglichkeiten. Entweder ist die Vespa Elettrica, wie sie offiziell heißt, der stolze Urahn aller E-Roller des italienischen Traditionsherstellers Piaggio, und die wuchernden Verästelungen der Benzin-Brüder und -Schwestern werden ab seinem Erscheinen lichter und lichter, bis sie abrupt enden. Oder die elektrifizierte Maschine, die aussieht wie jede andere moderne Vespa auch, ist selbst nur ein Seitenarm der Evolution. Oder gar eine Sackgasse. Noch bin ich unentschieden.

Getestet habe ich - und darauf habe ich mich wirklich gefreut - das stärkere der beiden Modelle, das eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde erlaubt. Die kleinere, nominell gleich starke Elettrica riegelt schon bei 45 km/h ab, das erschien mir dann doch arg schwachbrüstig. Um im Verkehr souverän mitzuschwimmen, braucht’s mehr als magere Moped-Muskeln. Das ist mir von meinem eigenen Dasein als begeisterter Vespa-Nutzer her bekannt: Der Spaß beginnt bei 125 Kubikzentimetern Hubraum, das reicht dann durchaus für die Großstadt. Im Sommer und mit Maske will man ja eher nicht in der U-Bahn oder Tramway herumgondeln.

Ich stieg also direkt von der Vespa mit Benzinmotor auf die elektrifizierte Version um. Und merkte gleich: alles logisch (trotz ca. dreihundertseitiger Betriebsanleitung), alles unkompliziert, alles startklar. Man muss nur im Kopf ein paar Schalter umlegen. Und sich an achtlose Fußgänger und Fahrradfahrer gewöhnen, die einen nicht kommen hören. Freilich zischt, nein: Surrt der Neuzugang im Piaggio-Katalog nicht ganz so los, wie man es erwarten würde. Zumal von einem prinzipienbedingt antrittsstarken Vehikel mit Elektromotor, das einen beim Massenstart an der Ampel in der Regel in die Pole Position schiebt. Aber selbst E-Bikes zeigen da subjektiv oft mehr Kraft als mein Testobjekt. Die Vespa Elettrica fährt sich, sorry to say, vergleichsweise lahm, teigig, verhalten. Bei einem Listenpreis von mehr als siebeneinhalbtausend Euro doch eine ziemlich bittere Erkenntnis. Auch die Abhängigkeit von einer Garagen-Steckdose - der Lithium-Ionen-Akku mit etwa 100 Kilometern Reichweite ist fix unter dem Helmfach unterm Sitz montiert - ist wohl in der Stadt nicht der Weisheit letzter Schluss.

Aber vielleicht erzieht uns diese, sagen wir einmal: softe Abstimmung zu mehr Gelassenheit, Defensive und Vernunft im Alltagsverkehr. Evolutionärer Fortschritt kann ja auch aus pädagogischem Erkenntnisgewinn herrühren: Volvo etwa regelt jetzt - schau einer an! - den Topspeed all seiner Automodelle bei 180 km/h ab. Auch bei 400 PS-Boliden. Der Mensch sei laut Studien einfach nicht in der Lage, höhere Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen, lautet die Werksbegründung.

Nun: Davor bewahrt einen die Elektro-Vespa der ersten Generation mit Sicherheit.