Ja, ich gebe es zu: Ich bin Radfahrer. Mehr noch: Ich bin überzeugter und leidenschaftlicher Radfahrer, und das schon seit langem. Das mit der Überzeugung funktioniert immer noch ganz gut, aber die Leidenschaft hat in jüngster Zeit doch deutlich gelitten. Und das hat mit Corona zu tun.

Das Faszinierende an diesem blöden Virus ist ja, dass es Dinge, die uns schon vorher beschäftigt haben, plötzlich wie in einem Brennglas bündelt und Lösungen erzwingt, die bisher eher gemächlich angegangen wurden. Digitalisierung in Bildung und Büro? Geht plötzlich ganz schnell. Verzicht auf überflüssige Geschäftsreisen und Wochenendtrips nach Mallorca oder New York? Viel weniger schmerzhaft als befürchtet.

Beim Fahrrad ist es ähnlich. Seit Jahren wird dazu aufgerufen, doch auf den umweltfreundlichen Drahtesel umzusteigen, auf dass die Verkehrswende vor allem in den Städten gelinge. Vielleicht war es ja der Ökogott, der sich jetzt diesen miesen Trick mit der Pandemie ausgedacht hat, um da ein wenig nachzuhelfen. Tatsache ist jedenfalls, dass der Fahrradhändler meines Vertrauens (und nicht nur er) seit Corona kaum mehr hinterherkommt mit dem Verkaufen. Und Tatsache ist auch, dass die Leute doch tatsächlich mit diesen Rädern durch die Gegend fahren.

Früher hätte man gesagt, gut, legen wir uns halt ein Rad zu, doch das gute Ding wäre dann schon bald im Keller gelandet, zu anstrengend, bei Regen nicht zu gebrauchen usw. Jetzt aber treibt die Corona-Panik die Menschen aus den Öffis und hinein in die Individualmobilität. Mehr Autos, mehr Fahrräder, dazu diese leicht idiotischen E-Scooter - es ist schlicht kein Spaß mehr, auf Großstadtstraßen unterwegs zu sein.

Früher konnte man sich als Radler in einer großartigen Mischung aus moralischer Überlegenheit (öko!) und Opferstatus (von bösen Autofahrern mit dem Tode bedroht!) suhlen, aber jetzt? Jetzt sind plötzlich Menschen Klimaretter, die vom Thema gar keine Ahnung, sondern nur Angst haben, in die U-Bahn zu steigen. Und als die schlimmsten Rüpel im Straßenverkehr erweisen sich nunmehr endgültig die Radfahrer, während die Autos ob der Fahrradarmada geradezu eingeschüchtert wirken und beim Rechtsabbiegen über die Schulter schauen, keine Radwege mehr zuparken und beim Überholen brav 1,5 Meter Abstand halten.

Ich muss gestehen: Der ellbogenbewehrte E-Biker ist mir genauso ein Graus wie der gepanzerte SUV-Fahrer. Deshalb habe ich beschlossen, jetzt Fußgänger zu werden. Aus Überzeugung und aus Leidenschaft. Vor allem aber kann ich nun wieder, ach was: noch viel besser Opfer sein - bedrängt von Radlern, Autos, Scootern ... Danke, Corona!