Toleranz ist in diesem Land eine komplizierte Angelegenheit. Schon früher. So hat Joseph II. in seinem Toleranzpatent den evangelischen Christen unter seinen Untertanen nach etwa 150 Jahren zärtlichster, katholischer Gegenreformation erstmals erlaubt "Gemeindehäuser" zu errichten (das Wort "Kirche" war untersagt), nur durften diese Stätten der möglichen Zusammenkunft nicht von einer Hauptstraße direkt begehbar sein, keine runden Fenster, keinen Turm und - vor allem - kein Glockengeläut haben. Kurz gesagt: Die Evangelischen waren herzlich willkommen, solange man von ihnen nichts gehört oder gesehen hat. Und das ist bis heute die österreichische Form von Toleranz: Jeder kann tun und lassen, was er will, solange man nicht merkt, dass er anders ist.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Wer jetzt einwerfen möchte, dass das aber keine Toleranz im eigentlichen Sinne sei, da ja Toleranz eigentlich genau darin besteht, Unterschiede auszuhalten, dem widerspricht der Volksmund auf seine charmante Art: "Gusch, des hamma immer schon so g’macht." Und wer es dann noch nicht verstanden hat und fragt: "Ja, aber warum?", der bekommt die ultimativste aller österreichischen Begründungen zu hören: "Weil i’s sog!"

Das ist das schwere Erbe des Kaiserhauses: Seit der Abschaffung der Monarchie heißt der Staat zwar Republik, der Staatsbürger jedoch empfindet sich als unumschränkter Monarch in den eigenen vier Wänden. Als solcher ist er auch tolerant - im josephinischen Sinne. Schließlich fordert er von seinen andersklingenden, andersaussehenden oder andersgläubigen Mitmenschen nicht mehr, als dass man ja nicht merkt, dass sie anders aussehen, anders klingen oder anders glauben als er selbst. "Ich hab ja nix gegen die. Aber warum können die net normal sein? So normal wie i."

Und da ja in einer Republik die Herrschenden nicht mehr herrschen, sondern dem Staat dienen, fordert die Masse der österreichischen Monarchen das auch konsequenter Weise von seinen Repräsentanten und Staatsdienern.

Womit wir beim Ibiza-Untersuchungsausschuss wären. Eindeutig ein zutiefst unösterreichisches Unterfangen. Soll hier doch enthüllt werden, wer wem wann was versprochen, zugesagt oder eingetauscht hat. Obendrein wühlt noch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Handys und fördert Chats und Absprachen zu Jobs, Geld und vielleicht sogar Gesetzen ans Tageslicht. Und weil das noch nicht reicht, sagt einer dieser Staatsanwälte auch noch vor dem Uuntersuchungsausschuss aus, die ermittelnde Polizeitruppe, die "Soko Tape", beginge in ihrer Arbeit "massive Unsorgfältigkeiten". Eine Formulierung, die man jetzt schon getrost für den "Euphemismus des Jahres" nominieren könnte.

Und doch muss man einwenden: Vielleicht handelt die "Soko Tape" nur im Auftrag des Souveräns? So hat der Generalsekretär des Innenministeriums in der "ZiB 2" gesagt: "Die Soko hat alles sicher gemacht." Gleich darauf hat er sich korrigiert. Aber war das wirklich nur ein Versprecher? Oder wollte er eigentlich die von aufkeimender Transparenz verunsicherte Bevölkerung nur beruhigen?

Denn das ist unsere urösterreichische Toleranz: Wir wollen nichts hören, nichts sehen und schon gar nichts wissen.