Unlängst stand das Wort "Luder" im Mittelpunkt einer politischen Diskussion. Der Tiroler Landeshauptmannstellvertreter (ÖVP) Josef Geisler hatte eine Umweltschützerin bei der Übergabe einer Petition immer wieder unterbrechen wollen. Als das nicht gelang, sagte er beiseite gewandt: "Sigscht, de lasst si nit dreinreden, dieses widerwärtige Luada."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Alle Versuche des aus dem Zillertal stammenden Politikers und seines Büros, die Entgleisung herunterzuspielen, waren lächerlich. Wahrscheinlich hatten sie einen Blick in das vor kurzem erschienene "Große Wörterbuch der Tiroler Dialekte" von Universitätsprofessor Hans Moser geworfen. In diesem mehr als fünfhundert Seiten starken Werk, erschienen im Innsbrucker Haymon Verlag, gibt es die Eintragung "Luada" mit zwei Bedeutungen: 1. meist weibliche Person, die als böse, durchtrieben angesehen wird (auch als Schimpfwort) 2. Köder für Raubtiere. Außerdem existiert auch ein Zeitwort: 1. schimpfen 2. ködern.

Das führte zu der ersten Verteidigungslinie. Mit "Luder" habe der Politiker einen Köder oder Kadaver zum Anlocken von Raubtieren gemeint, und dieses Wort sei "nicht zwingend negativ" konnotiert.

Der zweite Rechtfertigungsversuch ging in eine andere Richtung. Das nicht nur in Tirol, sondern in ganz Österreich und Bayern weit verbreitete Wort, werde umgangssprachlich auch "für eine schlitzohrige, hartnäckige Person verwendet, die einen austrickst". Ja, so ist das mit den Schimpfwörtern, im familiären Bereich wandeln sie sich manchmal ins Positive. Ich erinnere mich, dass Christine Nöstlinger einmal erzählte, wie sie als Kind am Markt von einer Standlerin mit den Worten "Na, du klaans Oascherl" begrüßt wurde. In diesem Fall mutierte Arsch sogar zu einem Kosewort.

Natürlich werden beide Ausflüchte dadurch zunichte gemacht, dass der Politiker vor das Wort "Luder" ein Attribut setzte, nämlich "widerwärtig". Damit wird "Luder" eindeutig zu einem Schimpfwort, denn das Adjektiv kann mit "abscheulich, schauderhaft, ekelerregend" umschrieben werden.

Mir geht es hier nicht um eine politische oder moralische Bewertung jener Aussage, die durch die sozialen Medien eine große Verbreitung fanden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist die Bedeutung "Köder" wohl die ältere. Aber schon im "Mittelhochdeutschen Wörterbuch" von Matthias Lexer findet sich neben "Lockspeise" der Hinweis auf die schimpfwörtliche Verwendung: eine unkeusche Frau, eine geile Weibsperson.

Wie wurde aus einem Ausdruck der Jägersprache ein Schimpfwort? Kluges "Etymologisches Wörterbuch" liefert eine passende Erklärung. Das Standardwerk für Herkunftsfragen verweist auf das Wort Aas, das eine ähnliche Entwicklung durchmachte. Dieses Wort bedeutete zunächst nur "verwesende Tierleiche, Kadaver". Später wurde daraus ein Schimpfwort für einen durchtriebenen, gemeinen, niederträchtigen Menschen. "Widerwärtiges Aas" kann sowohl auf Männer als auch auf Frauen gemünzt sein. Mit "widerwärtiges Luder" werden jedoch hauptsächlich Frauen beschimpft. Ich glaube nicht, dass der Tiroler Politiker einen Parteikollegen als "widerwärtiges Luder" bezeichnen würde.