Das ist eine Bekenner-Kolumne. Das Bekenntnis lautet: ich tue mir schon mit Instagram schwer, aber TikTok ist das Hassobjekt der Stunde. Sagt Ihnen alles nichts? Das würde mich doch wundern. Denn diese kleinen Programme zählen längst zum Alltagsinventar des modernen Daseins.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Der Nerv-Faktor von Instagram ist noch überschaubar. Diese App, verrät Wikipedia, sei ein "werbefinanzierter Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos, der zu Facebook gehört". Schaut man sich das näher an, dann gibt es jede Menge lichtbildnerischer Talente, die hier Schnappschüsse zur allgemeinen Bewunderung in die Auslage stellen - aber noch mehr Selbstdarstellerinnen (männliches Geschlecht mitgemeint), die mittels kurzer Filmchen, typographisch fragwürdiger Botschaften und halblustiger Pop Up-Depeschen beständig um Aufmerksamkeit haschen.

Einer dieser Deppen bin ich. Warum? Gute Frage. Ich rede mich meist darauf aus, dass es zu meinem Job gehöre, hier Bescheid zu wissen. Und das geht nur durch kräftiges Mitmischen. Wenn man bezeichnenderweise ein Musiklabel namens monkey. betreibt, muss man sich also im 21. Jahrhundert auf jeder erdenklichen Kommunikationsplattform zum Affen machen. Ohne Propaganda keine Wahrnehmung, keine Medienberichte, keine Playlists, keine Fans, kein Einkommen. Das gilt inzwischen für jeden Unternehmer und Künstler auf diesem Planeten (weibliches Geschlecht mitgemeint). Oder täusche ich mich, täuschen wir uns? Denn dieses Stakkato von neuen und neuesten Halb- und Viertelsensationen hat eigentlich kaum News-Wert, und die in Permanenz abgefeuerten Leuchtraketen löschen sich wechselseitig aus - nur die grellsten bleiben für ein paar Sekunden im Gedächtnis. In dieser Halbwelt des Brausepulver-Entertainments dient es freilich einer tiefgreifenden Selbstbestätigung, ohne Instagram-Aktionismus ist man praktisch inexistent.

Jetzt haben wir - federführend ist eine Praktikantin, die das zum PR-Einmaleins erklärt hat - erstmals auch Spuren auf TikTok hinterlassen. Eine Band, die wir betreuen (ich nenne keine Namen), verbreitet jetzt ihre Videos auch auf dieser Plattform. TikTok ist chinesischen Ursprungs und der Aufsteiger schlechthin. Allein zwischen Jänner und März erfuhr die Software 315 Millionen Downloads, in Corona-Zeiten dürfte sie zum weitestverbreiteten Spielzeug am Smartphone mutiert sein. Was kann sie? Kurz gesagt: noch absurdere, per Lip-Sync-Funktion noch gewitztere, noch (freiwillig oder unfreiwillig) unterhaltsamere Videos abfeuern. Die Zielgruppe ist teils noch im Vorschulalter.

Dennoch - oder gerade deswegen - haben die Politik, die Werbewirtschaft und die Unterhaltungsindustrie das Potenzial erkannt: früh übt sich, wer ein Social Media-Süchtiger werden will. TikTok hievt längst Hits in die Charts, und die Hebelwirkung hätte auch gern das Fanboy-Kommunikationsteam in so ziemlich jeder Parteizentrale. Zum Fremdschämen. Es ist, als würde man nur noch mit purem Glutamat kochen. Der Zauberlehrling, den man da rief - wie wird man ihn wieder los? Einfach: deinstallieren.