Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es ist schon eine Weile her, dass ich, und zwar natürlich hier in Wien, auf einer Verkostung in einem edlen Lokal in Grinzing zum Weinkenner wurde, und es geschah, wenn ich ehrlich sein soll, eher zufällig. Ein befreundeter Connaisseur, der mich eingeladen hatte, und ich, wir saßen an einem langen Tisch, ganz hinten, weil er, der Connaisseur, wusste, dass auf den letzten Plätzen eher die Chance bestand, nicht nur ein Tröpfchen aus der Flasche, sondern den Rest verabreicht zu bekommen, der meist mehr war als ein Tröpfchen.

Als dann ein Roter dran war, verkostete mein Begleiter nach allen Regeln der einschlägigen Kunst gurgelnd und schmatzend den tatsächlich etwas reichlicher bemessenen Schluck, von dem während dieser Liturgie ein Tropfen auf seinen Pullover fiel, einen gelben Pullover. Er nahm daraufhin eine Serviette, tauchte die Spitze in den kleinen Rest eines zuvor geprüften Weißweins und wischte damit den Fleck beiseite. Erstaunlich! Und ich fragte, auf den Pullover deutend: "Synthetik?"

Der Sommelier, der den Kontext nicht erfasst hatte, erstarrte, nickte aber dann anerkennend, und antwortete, dass dieser Wein, man sei ja noch am Anfang, in der Tat nicht zu den ganz großen zähle, wiewohl das Urteil "synthetisch" vielleicht doch ein wenig zu streng sei? Ich nickte mit dieser Miene, die man aufsetzt, wenn man professionelle Bescheidenheit zeigen möchte. Da ich nun aber nichts Weiteres mehr zu sagen wagte, fasste ich den Entschluss, die Geheimnisse der Weinkennerschaft zu lüften, um später elegant parlierend Eindruck zu erzeugen.

Ich studierte also fleißig die Parkers, Pigotts, Brooks und Johnsons, um schon aus deren poetischen Vorankündigungen Informationen zu ziehen, die sich später kommunikativ verwerten ließen. Sie priesen Weine, und ich habe viele davon gekostet, die nach allem möglichen schmeckten, nach reifen Aprikosen, Birnen oder rosa Grapefruit, roten und schwarzen Ribiseln; Weine, die Aromen von Äpfeln und Zitronenschale aufwiesen oder an gestoßene Fenchelsamen erinnerten, an Mandeln und ein wenig Haselnuss und Orangeat im Hintergrund, mit floralen Anklängen sowie feinem mineralischen Spiel und Röstnoten. Aber auch Schilcher mit seiner Zumutung unreifer Stachelbeeren. Und ich habe einen Château d’Yquem des Jahrgangs 1925 probieren dürfen, dessen Charakteristik zunächst Noten von Petroleum enthielt, sich aber nach einem nur kurzen Hauch überreifen Herbst-Kalvills dann nach Honig und Orangenzeste duftend großartig fing.

Nun aber, erst vor wenigen Tagen, habe ich einen Wein entdeckt, dessen Frucht bisher in der Beschreibung der Vielfalten dieses Getränks nie auftauchte. Unglaublich: Weintrauben! Da dies ein Tagebucheintrag ist und kein Geheimtipp, bitte ich von Zuschriften, die nach der Bezugsquelle dieses sonderbaren Weines fragen, abzusehen. Ich will das Geheimnis bewahren.