Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Bewegung auf der grünen Wiese ist ein Bedürfnis, das tief in der menschlichen DNA wurzelt, vermutlich sogar um einige Windungen tiefer als das Garen von Koteletts über züngelnder Flamme. Wie so viele Bedürfnisse, lassen sich auch diese beiden auf der Donauinsel befriedigen - ein weiteres Plus dieser in vieler Hinsicht bemerkenswerten Errungenschaft des Roten Nachkriegs-Wien. (Das ist übrigens ein ernsthaftes Lob: Die Donauinsel, die den Stadtbewohnern einen nicht-kommerziellen, mit Öffis erreichbaren Erholungsraum bietet, ist ein Lehrstück weitsichtiger Stadtplanung.)

Aber zurück zum Thema: Unlängst beobachtete ich auf einer Wiese neben dem Wasserspielplatz auf der Donauinsel eine Gruppe von zwei Dutzend Menschen, teils in Sport-Dressen, die mit ca. einen Meter langen Stöcken zwischen den Beinen recht unbeholfen umherliefen, während sie danach trachteten, nicht von anderen mit Medizinbällen abgeschossen zu werden. Es erinnerte mich an Völkerball, aber es gab auch sechs Tore. Die Sportlerinnen und Sportler amüsierten sich prächtig. Wenn ihnen gerade kein Stock zwischen den Beinen klemmte, umkreisten sie das Feld in flottem Watschelgang nach Art der olympischen Geher.

Meine Vermutung bestätigte sich: Hier trainierte ein Quidditch-Team. Quidditch, und das wissen Harry-Potter-Fans, ist eine von besenreitenden Zauber-Schülern praktizierte Sportart, die Buchautorin J.K. Rowling für ihre Romane erfand. Die US-Amerikaner Xander Manshel und Alex Benepe, damals Studenten am Middlebury College in Vermont, holten diesen Sport 2005 ins echte Leben. Das waghalsige Besenreiten durch die Lüfte substituierten sie durch Laufen mit Kunststoff-Stäben. Die Begeisterung für Quidditch mag an der Qualität der Potter-Romane liegen. An der Kombination aus Sport und Rollenspiel vielleicht, die es ermöglicht, zum Protagonisten einer fantastischen Welt zu werden. Sie deutet auch auf ein weiteres Bedürfnis hin: Abwechslung.

Es ist wohl zehn Jahre her, da flogen einem auf den geschotterten Wegen der Wiener Parkanlagen eiserne Boule-Kugeln um die Ohren. Wenig später spannte sich zwischen den Bäumen der Parks ein dichtes Netz aus Balancier-Seilen ("Slacklines"). Dieser Sommer scheint mir im Zeichen von Spikeball zu stehen, einer Volleyball-Variante mit Ball-Trampolin.

Verglichen mit diesen Parksportarten kommt Quidditch deutlich aufwendiger und exzentrischer daher. Freilich auch nicht exzentrischer als britische National-Sportarten wie Cricket oder Quoits. Zum Zuschauen ist es jedenfalls deutlich unterhaltsamer. Apropos Schauen: Wieder so ein Grundbedürfnis, das sich auf der Donauinsel vortrefflich stillen lässt.