Das interessante an Corona ist ja, dass man - wenn man monatelang zuhause eingesperrt ist - draufkommt, dass man Dinge lernen kann, von denen man vorher gar nicht gewusst hat, dass das möglich ist. Ich etwa kann jetzt YouTube-Videos machen. Und hochladen. Völlig verrückt. Vorher hab ich das für futuristisches Hexenzeug gehalten, heute weiß ich, das ist leichter als so mancher Legobaukasten für 9-Jährige. Wer mich deswegen einen technikängstlichen, paranoiden Spätzünder nennen will, hat in mir einen Fürsprecher. Dafür kann ich jetzt Brot backen. Ich fürchte, Teile von mir müssen noch aus dem zwanzigsten Jahrhundert evakuiert werden.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Und wir haben ja alle in letzter Zeit einges lernen müssen. Lehrer haben lernen müssen, ohne Schüler auszukommen (hart), Schüler ohne Lehrer (easy), Bürohengste mussten von einem Tag auf den anderen von zuhause aus mega performen und Soziophobiker waren verwundert, dass ihr Lebensstil plötzlich Mainstream ist. Und so manche Kabarettisten und -innen haben lange (und sehr witzige) Gespräche mit ihrer Geschirrspülmaschine geführt.

Wir alle werden gerade mit den Unsicherheiten des Daseins konfrontiert. Ich denke, der eine oder andere Flüchtling könnte uns aus seiner Biografie heraus in psychotherapeutischer Absicht dabei helfen, diese unglaublichen Herausforderungen zu meistern. Gesetzt den Fall, er darf seine Luxusunterkunft verlassen und einem Broterwerb nachgehen. Also einem außerhalb eines Postverteilerzentrums.

Aber auch wenn der Wind der Veränderung bläst, gibt es Orte der Beharrlichkeit. Menschen, Vereine und Institutionen, die sich jeglicher Anpassung widersetzen. Erfolgreich. Sogar Jahrhunderte lang. Und wenn man das lange genug durchhält und einen Mitarbeiter der betreffenden Kommission mit guten Argumenten und ebensolchem Schnaps festhält, kommt man dann auch in die Liste des immateriellen Kulturerbes. Wie zum Beispiel: das Heilwissen der Pinzgauerinnen (der Unheilglauben der Pinzgauer ist nicht dokumentiert) oder die Ötztaler Mundart (wer möchte da widersprechen - und vor allem wie?). Und damit hört es nicht auf. Denn Österreich ist in der Neuproduktion der Beharrlichkeiten ein Innovationsstandort.

Bestes Beispiel: Der parlamentarische Ibiza-Untersuchungsausschuss. Da erdreisten sich doch glatt so ein paar gewählte Lümmel aus dem Parlament, just jenes Video sehen zu wollen, welches der Anlass für den Ausschuss war. Ja, was glauben die denn, wer sie sind? Volksvertreter? Das sind doch alles Transparenzler in Wahrheit! Doch in diesem Land gibt es ja immer noch Menschen und Institutionen, die da mit aller Kraft dagegen halten. Denn wo kommen wir denn dahin, wenn wir sehen können, wie so manche sind, die so sind, wie wir nicht sind? Was kommt als Nächstes: Einsicht des Rechnungshofs bei Parteispenden?

Und deshalb dauert es auch Wochen und Monate, ein Video von mehreren SD-Karten auf einen Computer zu kopieren, auf dem es irrwitzigerweise auch abgespielt werden könnte.

Ist ja auch sehr kompliziert.

Also falls wer Hilfe braucht: Ich kann das mittlerweile. Hab ich in den letzten Wochen gelernt.

Aber vielleicht wird hier auch ein neues immaterielles Kulturerbe angestrebt: Der österreichische Behördenweg.