Im Deutschen herrscht die Groß- und Kleinschreibung. Verben und Adjektive schreibt man klein, Substantive groß. Rechtschreibrevolutionäre haben dies in Frage gestellt: Schreiben wir doch alles klein! In E-Mails, in Postings und im SMS-Verkehr schreitet die gemäßigte Kleinschreibung bereits voran. Das Tippen ist einfacher, die Verständlichkeit leidet darunter kaum.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Die Gegner der Kleinschreibung argumentieren, dass das zu Missverständnissen führen könne. Als Beispiel nennen sie "der gefangene floh". Davon gibt es zwei Lesarten: "Der Gefangene floh" und "Der gefangene Floh". Natürlich ist aus dem Kontext normalerweise zu erkennen, was gemeint ist. Genauso bei "er hatte liebe genossen" und "helft den armen vögeln".

Am vergangenen Sonntag ist in einem Wiener Fußballstadion ein weiteres Beispiel aufgetaucht. Dieses Mal war der gesamte Text in Großbuchstaben geschrieben. Dazu muss man wissen, dass die Fans der österreichischen Fußballklubs zurzeit wetteifern, wer das durch Corona bedingte Zuschauerverbot am medienwirksamsten anprangert. Junge Rapid-Fans wollten besonders originell sein, sie brachten eine halbe Stunde vor dem Geisterspiel ein großes Transparent an der Bande an: "A STADION MIT LEEREN PLÄTZEN IS WIE A SCHIACHE OIDE WETZEN." Zwar wurde das Spruchband rechtzeitig vor Spielbeginn entfernt, doch die Kameras des Sportsenders Sky hatten es bereits gefilmt und einige Rapid-Funktionäre in Interviews damit konfrontiert. Dass sich nur der Trainer klar distanzierte, sorgte für Kritik.

Tags darauf war die allgemeine Entrüstung groß, Rapid wurde in die Mangel genommen. Die grüne Sportsprecherin forderte ein, dass "Frauenverachtung am Fußballplatz" nicht mit dem Argument "dem Milieu geschuldet" abgetan werden dürfe. Die FPÖ-Frauensprecherin meinte, der Fußballverein solle als Sanktion "an Einrichtungen spenden, die sich gegen Gewalt an Frauen engagieren".

Rapid bedauerte in einer Aussendung, dass der sexistische Spruch den Weg in die Öffentlichkeit gefunden habe. "Die von den organisierten Fans geäußerte Kritik an den Geisterspielen ist in einer Art und Weise geäußert worden, die mit den in unserem Leitbild festgeschriebenen Werten, für die unser Verein steht, in keiner Weise vereinbar." Die Wortwahl sei nicht zu akzeptieren gewesen, weswegen das Transparent "nach interner Diskussion mit allen Beteiligten" abgehängt wurde.

ORF-Online interpretierte den Spruch so: "A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache Oide wetzen." Ich lese ihn anders: "A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache oide Wetzen." Das Hauptwort Wetzen ist im Wienerischen ein derber Ausdruck für "Hure", nachzulesen im "Wörterbuch der Wiener Mundart", verfasst von Universitätsprofessorin Maria Hornung. Es handelt sich um eine Substantivierung des Zeitwortes "wetzen", das "koitieren" bedeutet. Offensichtlich haben die Jugendlichen zwei Hauptwörter samt den Attributen miteinander verglichen: das verwaiste Stadion mit einer hässlichen alten Hure, die keine Freier mehr findet. Auch das ist frauenfeindlich, den Entrüstungssturm halte ich allerdings für übertrieben.