Angehörige von Gruppen zeigen ihre Zugehörigkeit gern durch eine eigene Sprache oder zumindest gruppenspezifisches Vokabular. Nicht selten haben solche Gruppen auch besondere Rituale, die von außen bisweilen etwas merkwürdig wirken können. Unter den Angehörigen der Wissenschaftscommunity ist es zum Beispiel üblich, ganz ohne Not, sozusagen als Begrüßungs-Offenbarungseid, festzustellen, wie sie es mit der Homöopathie halten - und, das versteht sich von selbst, ein ordentlicher Wissenschafter kann es einfach nicht fassen, wie man sich damit überhaupt befassen kann.

So bezeichnet etwa der angesehene Verhaltensforscher Kurt Kotrschal auf Seite 26 seines 2019 erschienenen Buches "Mensch. Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen" (Brandstätter) die Homöopathie ganz nebenbei als Unsinn. Das berührt sein Thema zwar an sich nicht, hat aber den Vorteil, den Autor als rechtgläubigen Wissenschafter auszuweisen. Ich war überrascht, dass ein Forscher seines Ranges es für nötig befindet, eine dermaßen schlichte Wissenschafter-Duftmarke zu setzen.

Der leider schon verstorbene Vater einer meiner Freundinnen war Tierarzt gewesen, und zwar einer, der sich auf dem Land um Nutztiere kümmerte. Mit einem Koffer voller Globuli kam er in den Kuhstall und behandelte seine Patientinnen nicht immer, aber häufig auf diese Weise. Den Bauern war das recht, denn Globuli sind bekanntlich kostengünstiger als pharmazeutische Produkte, und die Kühe haben offenbar gut auf die Behandlung angesprochen, denn Dr. T. konnte mit seiner Arbeit eine veritable Großfamilie ernähren. Glaubt wirklich jemand, Bauern würden mittel- und langfristig einen Tierarzt rufen, der die Krankheiten ihrer Tiere nicht heilen oder lindern könnte?

Immer wenn man mir damit kommt, die Homöopathie sei Unsinn, etwas für leichtgläubige ältere Mädchen wie mich, erzähle ich gern von Cantharis, auch Lytta vesicatoria genannt. Kügelchen dieses Namens habe ich stets in einer Küchenlade greifbar, denn wenn es mir wieder einmal passiert, dass ich mich im Rohr oder an einem Backblech, an einer Pfanne oder mit Fett brenne, dann eile ich zu dieser Lade. Der Schmerz ist meist nach wenigen Minuten gelindert und nach einem weiteren Weilchen Vergangenheit.

Normalerweise sind Wissenschafter streng darauf bedacht, nur im abgezirkelten eigenen Gebiet zugange zu sein. Bei der Homöopathie jedoch schießen Mediziner, Physiker und Verhaltensforscher aus allen Rohren. So versichern sie einander wohl, dass sie der orthodoxen Wissenschaftskirche angehören. Gerne wüsste ich, wem die Homöopathie denn schadet, wenn sie ohnehin Unsinn ist?