Manche Anglizismen werden uns mit großem Aufwand eingebläut, in diesem Fall von der Bundesregierung und vom Roten Kreuz. "Ich halte durch, und ich halte weiter Abstand. Mindestens einen Meter zu den anderen. Also so viel wie ein Babyelefant."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Das ist sprachlich verhatscht. Setzt man den einleitenden Satz und die nachgelieferten Ergänzungen richtig zusammen, so entsteht eine merkwürdige Aussage: "Ich halte so viel Abstand wie ein Babyelefant (Abstand hält)." Es werden also Erkenntnisse aus der zoologischen Verhaltensforschung vorausgesetzt. Welchen Abstand halten junge Elefanten? Möglicherweise schmiegen sie sich aneinander, wie das Jungtiere gerne tun. Damit wären sie in Corona-Zeiten kein Vorbild.

Aber dass das so nicht gemeint ist, liegt auf der Hand. Die Menschen sollen zueinander einen Abstand von der Größe eines Babyelefanten halten. Ob der Rüssel mitzurechnen ist oder nicht, bleibt unklar. Diese Frage wurde in einigen Zeitungsberichten ausführlich diskutiert.

"Wiener Zeitung"-Leserin Magda Novak ist noch etwas aufgefallen. Sie schickte mir vor kurzem eine Liste mit Anglizismen, auf dieser war auch der Babyelefant zu finden. Ihr Argument: Bei Tiernamen setzen wir üblicherweise das Wort Baby an die zweite Stelle, nicht an die erste. Wir sagen also: "Das ist ein liebes Hundebaby." Und nicht: "Das ist ein lieber Babyhund." Ein vorangestelltes "Baby" bedeutet hingegen, dass etwas "für Babys" ist: Babynahrung zum Beispiel, oder Babyschuhe. Ein Babyelefant ist also ein Babyspielzeug.

Ein eigenes Kapitel ist die Verwendung von "Baby-" in der Lebensmittelbranche. Da und dort gibt es Babykartoffeln zu kaufen, also kleine, junge Erdäpfel, und Babykarotten - sie sind immer gleich groß, an den Enden abgerundet und perfekt geschält. Ist das eine eigene Sorte? Nein. Es sind normale Karotten, die maschinell zusammengestutzt werden. Aus einer Karotte werden drei oder vier Babykarotten.

Die Babykarotten sind nicht nur ein Amerikanismus, sie stammen auch aus den USA. In den 1980er Jahren hatte der kalifornische Farmer Mike Yurosek eine Geschäftsidee. Ihn ärgerte, dass viele seiner Karotten unförmig und nicht verkaufsfähig waren. Er warf sie in einen Bohnenschneider, der sie in gleich große Stücke schnitt, und in einen Kartoffelschäler, der sie schälte. Die Minikarotten wurden zu einem Verkaufsschlager, Mike Yurosek gilt als "father of the baby carrot". Mittlerweile sind sie auch in Europa beliebt. Die meisten Babykarotten stammen aus den Niederlanden, wo es in einer Fabrik eine maschinelle Fertigungsstraße gibt, die alle Stückeln spielt. Sie werden mit Lkw zu uns transportiert - die Schadstoffbelastung wird hingenommen.

In meiner Familie kursiert eine Anekdote über meine Adoptivtochter. Die Geschichte stammt aus einer Zeit, als sie ein kleines Mädchen war und ich sie noch nicht kannte. Meine Frau ging mit ihr ins Restaurant "Steirereck". Als die Kleine hörte, dass ein Gast am Nebentisch "Babyscholle" bestellte - so stand es auf der Speisekarte -, stieß sie einen entsetzten Schrei aus und rief, sodass man es im ganzen Lokal hören konnte: "Mami, die essen Babys!"