Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming in Tirol.

Oscar Wilde behauptete, die Kultur hänge von der Kochkunst ab, aber davon hatten wir in Quarantänezeiten ohnedies genug, als wir am eigenen Herd zugange waren. Und so sind jetzt die meisten von uns zwar wohlgenährt, aber ausgehungert nach Kultur, denn diese hängt doch auch weitgehend vom zur Verfügung stehenden Angebot ab.

Kultur, so heißt es, schafft Freiräume. In Corona-Zeiten muss diese Behauptung in reale Räumlichkeitsverhältnisse mit einem Mindestabstandsmaß von eineinhalb Metern umgesetzt werden. Mit diesem großzügigen Zwischenraum zu den Nachbarn auf den mittleren Rängen klassische Musik zu hören, hat schon fast die Qualität eines Logenplatzes. Das dachte ich mir zumindest, als ich eine Zählkarte für ein Konzert ergatterte.

Zuvor hatte ich mir auch TV-Konzerte angesehen. Etwa jenes mit Beethovens Neunter, das das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Jonathan Nott in der Victoria Hall Genf ohne Publikum gab. Wie die Moderatorin eingangs erwähnte: "In einer Raumausnützung, welche es noch nie zuvor gegeben hat!" Die Musiker besetzten das ganze Auditorium - in den Logen saßen die Streicher und Solisten, auf der Bühne Schlagzeuger und Celli, auf den Balkonen Bläser und Chöre.

Meine Mithörenden und ich besetzten in üblicher Raumausnützung die Fernseh-Couch. Weil ohnehin im Familienverband, konnten wir auf den geforderten Abstand verzichten. Ebenso auf den Anstand. Irgendwann stand jemand auf, holte Bier und Nüsse, und es dauerte nicht lang, bis einer von uns wegsackte und seine Atemzüge vermuten ließen, dass er nun wohl von einem Beethovenkonzert träumte. Mit der Zeit ließ die Aufmerksamkeitsleistung bei uns allen nach, wir verstrickten uns dem tauben Musikgenie zum Trotz in ein Gespräch und blieben der großartigen Aufführung die Anerkennung schuldig. Deshalb freute ich mich sehr auf das erste Live-Konzert nach der Corona-Abstinenz.

Die Frage nach meiner Gesundheit beim Einlass einer Kulturveranstaltung hätte ich früher als Warnung vor eventuell zu erwartenden Bühnengräueln gedeutet, nun deutete ich sie als Verantwortungsbewusstsein der Veranstalter. Der geforderte Abstand erwies sich dann doch als etwas beklemmend, es sah zu sehr nach schwachem Besuch aus, zumindest, bis die Musik den Raum erfüllte und eine Phase des Musikgenusses einleitete - mit kleineren Mängeln.

Natürlich wurde trotz Publikumsreduktion und Gesundheitstest wieder ordentlich gehustet. Von einer Person, die wegen des großen Abstands schnell entlarvt war. Immerhin konnte sie sich neben dem Mundschutz auch den Schal vorhalten, denn die Garderobe hatte aus Corona-Gründen geschlossen. Die Musikerinnen und Musiker gaben ihr Bestes, um den Abstand zu überbrücken, und der Applaus wollte frenetisch sein, aber für solche Klasse braucht es Masse. Trotzdem waren wir alle glücklich: Die Auferstehung des Kulturlebens hat begonnen!