Der Umgang mit Verantwortung ist bekanntlich ähnlich wie jener mit Rücksicht. Gerne mahnt man sie bei den anderen ein, selbst möchte man aber nicht so gern daran erinnert werden.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Manchmal ist es aber auch genau umgekehrt. Da stört einen das eigenverantwortliche Handeln der anderen. Herrn Gerstl etwa. Das ist jener Nationalrats-Abgeordnete, der für eine Partei im Ibiza-Untersuchungsausschuss sitzt, die früher mal schwarz, heute aber türkis genannt wird. Und wenn die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft im Zuge der Ermittlungen zur Ibiza-Affäre ihrer Verantwortung nachgeht, meint der Herr Gerstl (über dessen Namen Ihr Glossenhauer aufgrund eines redaktionsinternen Abkommens den flachen Witz, der hier auf der Hand bzw. dem Börserl liegt, selbstverständlich nicht macht), die Staatsanwaltschaft würde nach "eigenem Gutdünken" handeln. Das klingt nicht nach Verantwortung, sondern eher nach Ferdinand dem Gütigen. Auch "Gütinant der Fertige" genannt. Also nach jenem Kaiser, der auf den Ausbruch der Revolution unter seinen Untertanen 1848 mit den Worten "Ja dürfen’s denn des?" reagiert haben soll. Man hört in der Formulierung "nach eigenem Gutdünken" nicht zwingend unendliche Sympathie für eine unabhängige Justizbehörde durch. Muss man aber auch verstehen.

Hat man doch nicht den Eindruck Herr Gerstl würde selbst "nach eigenem Gutdünken" handeln. Eher nach dem Prinzip: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing."

Ganz anders sieht das der Gesundheitsminister. Der wünscht sich mehr "Eigenverantwortung" in der Bevölkerung im Umgang mit einer hochansteckenden Lungenkrankheit. Das ist freilich ein frommer Wunsch. Funktioniert doch "Eigenverantwortung" schon seit Jahren sehr gut in Sachen Klimawandel. Schließlich wird sie immer wieder hinsichtlich des CO2-Ausstoßes lauthals von den Zeitgenossen eingefordert, während man selbst ein T-Bone Steak aus Brasilien mit Shrimps-cocktail und chilenischem Rotwein (doppelt so teuer wie der Blaufränkische aus dem Burgenland, dafür auch halb so gut) auf dem Kreuzfahrtschiff zu sich nimmt.

Insofern sollte man auch bei Covid-19 das Prinzip "Eigenverantwortung" durchziehen. Und zwar für alle. Rücksichtslos!

Es soll doch bitte jeder den Abstand einhalten, ob er will - oder nicht. Die Maske tragen, ob er will - oder nicht. Und wenn er oder sie dann überraschend plötzlich krank wird und ins Spital muss, dann trifft er dort auf Spitalspersonal, Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Virologen und Intensivmediziner, die ihren Dienst versehen - oder nicht. Dann wird der Mensch auf der Intensivstation behandelt - oder nicht.

Und verreckt er dann röchelnd und fiebernd am Gang, dann wird er abgeholt und ins Kühlhaus gebracht - oder nicht.

Und dieses Prinzip ziehen wir ein, zwei, drei Monate durch und dann sehen wir mal, wer plötzlich aufruft, die eigenen Interessen nicht über das Wohl der Allgemeinheit zu stellen.

Und dann könnte - ich betone: könnte - vielleicht auch Herr Gerstl verstehen, warum es wichtig ist, dass eine Staatsanwaltschaft unabhängig arbeiten kann. Und wird sich des Mottos des Programms des "Alois Mock Instituts" 2020 erinnern, das da lautet: Eigenverantwortung.