Das Wort "nachhaltig" ist nicht neu. Hier einige Beispiele: "Sie hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck." - "Er hat ihn nachhaltig beeinflusst." - "Das wirkt sich nachhaltig aus." - "Wir hoffen auf eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft." Außerdem ist von "nachhaltiger Forstwirtschaft" und von "nachhaltiger Fischerei" die Rede. Es darf nicht mehr Holz geschlägert, nicht mehr an Fischen gefangen werden, als nachwachsen kann, nachkommt. In einer verallgemeinerten Form wurde daraus das Prinzip, wonach nicht mehr verbraucht werden darf, als künftig bereitgestellt werden kann.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Das heutige Modewort "nachhaltig" bezieht sich also auf Prozesse, auf Entwicklungen, nicht auf Sachen oder Dinge. Eine "nachhaltige Flasche" ist daher ein Unding. Steigerungsfähig ist das Adjektiv "nachhaltig" auch nicht: eine "nachhaltige Flasche", eine "nachhaltigere Flasche" und "die nachhaltigste Flasche" - geht nicht.

Seit Oktober 2018 befüllt Vöslauer Halbliterflaschen aus zu hundert Prozent recycelten Getränkeflaschen, seit Anfang 2020 gilt das für alle Gebinde. Dies wird rePET genannt, ein Wort, das sich die Konsumenten wohl merken müssen. Erst seit kurzem gibt es auch "die nachhaltigste Milchflasche" - wie in ganzseitigen Inseraten der NÖM zu lesen ist. Da es nicht mehr als hundert Prozent beim Recyceln geben kann, fragt man sich, was das sein soll.

Wir haben es hierbei mit einem Hyperlativ zu tun, so nennt man regelwidrige Komparationsformen, die Steigerung von nicht steigerungsfähigen Adjektiven. Nicht steigerbar sind Adjektive, die bereits eine absolute Stufe darstellen: falsch, leer, optimal und minimal, tot etc. Das Wort schwanger gehört auch dazu, daher die Feststellung: "Du kannst nicht ein bisschen schwanger sein." Diese Wörter werden Absolutadjektive genannt. Gleiches gilt für alle Ausdrücke, die per definitionem exakt festgelegt sind. "Täglich" bedeutet "jeden Tag" - "täglicher" und "am täglichsten" kann es nicht geben. Auch "viereckig" ist nicht steigerbar.

Farbadjektive galten lange Zeit als nicht steigerbar, der "Duden" ist allerdings in seinem Band "Richtiges und gutes Deutsch" neuerdings toleranter. Da es bestimmte Abstufungen in den Helligkeitsgraden und in den Farbtönen gibt, könne man von einem "typischen Blau", von einem "echten Rot" sprechen. Demnach dürfen wir also sagen, und auch schreiben: "Der Himmel wirkt blauer als gestern." - "Er hat das röteste Haar." - "Das ist der schwärzeste Undank".

Derartige Formulierungen sind in der Literatur häufig anzutreffen. Schriftsteller dürfen auch nicht steigerungsfähige Wörter steigern - es handelt sich um ein gängiges Ausdrucksmittel. "Durchgrüble nicht das einzigste Geschick! / Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick." Das Unwort "einzigste" findet sich bei Johann Wolfgang von Goethe, "Faust. Der Tragödie zweiter Teil." Neuerdings hört man oft "in keinster Weise". Mögliche Rechtfertigung: "Wenn es Goethe darf, darf ich es auch." Antwort: "Aber du bist nicht Goethe!" Auch der Erfinder der NÖM-Werbung sollte begreifen, dass er nicht Goethe ist.