Lore Krainer ist vor kurzem im 90. Lebensjahr in Oberwaltersdorf verstorben. Cornelius Obonya wird am Freitag bei einer Gedenkveranstaltung die künstlerischen Leistungen der gebürtigen Grazerin würdigen. Ehe Sie diesen Beitrag lesen, möchte ich eines vorausschicken: Das ist nur beinahe ein Nachruf. Es fehlt ihm die Traurigkeit. Ich behaupte, es wäre im Sinn der Verstorbenen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ich bin mit Lore Krainer oft am Tarocktisch gesessen und habe ihre scharfzüngigen Bemerkungen geschätzt. Gerne erzählte sie, wie Gerhard Bronner reagierte, wenn jemand fragte: "Weißt du, wer gestorben ist?" Bronner, in sich hineinmurmelnd: "Mir ist jeder recht."

Später fand ich in einem Buch einen jüdischen Witz, der sich derselben Technik bedient. Zu Zeiten der Monarchie wurden alle zehn Jahre Volkszählungen durchgeführt, mancherorts ein schwieriges Unterfangen. "Volkszählungskommissär zum Bürgermeister eines kleinen Ortes: ,Wie viele Leute mögen hier jährlich sterben?"‘- Bürgermeister: ,Es mag gar keiner!‘¬ - Kommissär: ,Ich meine, wie viel müssen jährlich sterben?‘ ¬- ,Es müssen alle sterben.‘ ¬- ,Aber nein, ich will wissen, wie viel Leute können hier jährlich sterben?‘ ¬- ,Meinetwegen alle.‘

Lore Krainer ist von Gerhard Bronner entdeckt worden und trat ab 1972 in dessen Wiener Kabarett Fledermaus auf. Von 1978 bis 2009 konnte man sie jeden Sonntagvormittag in dem von Bronner gemeinsam mit Peter Wehle gegründeten Radiokabarett "Der Gugelhupf" auf Ö1 hören. Lore Krainer schätzte Bronners Genialität, er konnte texten, Klavier spielen, komponieren, singen - diese vielfältigen Begabungen hatte auch sie. "Wehle konnte mit Bronner nicht mithalten", meinte sie einmal, "wahrscheinlich hat er deshalb ein zweites Doktorat gemacht." Im "Gugelhupf" kritisierte sie die Dummheit und Überheblichkeit der Mächtigen, aber nie mit dem Holzhammer. Die jungen, wilden Kabarettisten, die mit Tabubrüchen renommieren wollten, missfielen ihr. Sie blieb sich stets treu.

Dummheit und Überheblichkeit war ihr auch am Tarocktisch ein Dorn im Auge. Und sie konnte grantig werden, wenn sie vom Spielpech verfolgt war. Arthur Schopenhauer meinte: "Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen." Sie sah das anders. Wenn sie zum wiederholten Mal schlechte Karten bekam, bedachte sie den Spieler, der die Karten ausgeteilt hatte, mit der Bemerkung: "Geben kannst du auch nicht!" Man musste es ihr verzeihen, wahrscheinlich war auch das die Pointe eines Witzes.

Als ich mit Wolfgang Mayr 2003 den Wiener Tarockcup im Königrufen gründete, erklärte sich "die Lore" bereit, in der Halbzeitpause des Turniers im Casino Baden das Publikum zu unterhalten. Einer ihrer Beiträge war ein altehrwürdiger Witz. "Moische, du schaust mir in die Karten!"¬- "No na, hasardieren werd‘ ich."

Wenn jemand gestorben war, den sie nicht mochte, sagte sie: "Ich gehe nicht auf sein Begräbnis, er geht ja auch nicht auf meines." Ihr eigenes findet in Graz im Kreis der Familie statt, zur Gedenkfeier nach Oberwaltersdorf werden wohl viele kommen. Auch der Schauspieler Obonya absolvierte eine Kabarett-Ausbildung - in Bronners "Fledermaus".