Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Wir dachten, wir machen das einfach einmal umgekehrt. Also lassen in diesem Fall echte Menschen gegen Algorithmen antreten, um zu sehen, wer gewinnt. Und das nicht bei vergleichsweise zwar unendlich variablen, aber doch festgelegten Problemen wie Go- oder Schachspiel-Strategien. Viel einfacher: nur ein Bild, das im Internet kursiert und vieltausendfach (um die neuen Fachbegriffe zu gebrauchen:) geliked, geteilt und regepostet wird, was man ja auf Blogs wie Instagram und Pinterest und Tumblr ziemlich einfach verfolgen kann.

Mal sehen also, was ein Bild-Erkennungs-Tool liefert - und was eine kleinere Schar von jungen Eingeborenen der Digitalwelt. So wurde ein erfolgreiches Motiv ausgesucht, das hier nun aus Platzgründen, vor allem aber aus eventuell anfallenden Konsequenzen der Datenschutzgrundverordnung nicht abgebildet, aber in seiner Quelle doch genannt werden kann.

Es erscheint zunächst am 28. Oktober 2012 auf Flickr und zeigt einen sonnenbebrillten jungen Mann auf der Straße am Rand eines Sees vor einem schwarzen Oldtimer, gekleidet in ein blaues Sakko und eine helle Hose. Das Bild wird dann auf hunderte andere Blogs übernommen, darunter allein auf 278 unterschiedliche Tumblr-Blogs, wie etwa hier (am 30. Oktober 2012). Dort erregt es die Aufmerksamkeit von 238 Usern und verteilt sich über deren Follower weiter im Netz, "viral" nennt man das, und im Augenblick weiß man genau, was damit gemeint ist. Allerding ist dies kein Virus, sondern, so mathematisch inspirierte Programmierer von Bilderkennungs-Tools, ein "Attraktor".

Analysiert man das Bild mit jenen Mitteln, die im Fachjargon "parametrische Klassifikationen" heißen, ergeben sich begrenzte Erkenntnisse. Farben, evtl. Alter und Geschlecht der abgebildeten Person, wobei die Mimik nicht klar zu erkennen ist, also auch keine Smile Indices oder andere Gesichtserkennungsalgorithmen greifen, in komplexen Versionen zudem Marken, etwa der Porsche Speedster.

Nun kommen unsere jungen Frauen und Männer, die alle dieses Bild und daher auch die abgebildeten Modemarken nicht kennen, diese aber dann doch schnell identifizieren. Sakko: Boglioli; Hemd: Sid Mashburn; Hose: Epaulet; Schuhe von Crockett & Jones. Sonnenbrille nicht klar zuzuordnen, vermutlich Ray Ban Wayfarer. Und einer sagt, dass dieses Porsche-Modell auf zahllosen anderen Blogs ebenfalls auftaucht. Wirklich ein Attraktor. Aber der Speedster hier, meint der Spezialist, sei eine Replica, "das sehe ich". Zumindest also eins zu null für die menschlichen Algorithmen, die dann auch noch gleich eine Theorie mitliefern: "Super", sagt eine der Projektteilnehmerinnen, "wie jedes Teil mit allen anderen zusammenwirkt."

Wir suchen nun noch nach einem Begriff, der diese triviale Einsicht digitalistisch adelt. Denn erst mit einem lärmenden Anglizismus wird so etwas bedeutsam.