Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Es ist eine recht eingeschränkte Welt, in der wir uns derzeit bewegen. Warnungen, wohin man blickt: vor dem Verreisen, vor geschlossenen Räumen - und vor allem vor anderen Menschen. Ein reduziertes Leben, das allerdings den Blick auf alltägliche Erlebnisse freigibt. In Erwartung derer setzte ich mich unlängst, mit einem Buch ausgestattet, auf eine schattige Bank im Freien.

Vor mir eine vielbefahrene Kreuzung samt Bushaltestelle, weiter links ein weitläufiger Park, hinter mir ein Pensionistenheim. Es nähert sich ein älteres Ehepaar. Die Frau pflückt eine Gratiszeitung aus dem Dispenser, die beiden nehmen in einiger Entfernung von mir an einem Picknicktisch Platz und beginnen zu lesen.

Hinter mir ertönt ein unheilvolles Knacken: Ein Mann hat versucht, sein Auto vor dem Pensionistenheim abzustellen, und beim Rückwärtsfahren einen der grünen Poller mit rot-weiß-rotem Band übersehen, die ein Parken auf dem Gehsteig verhindern sollen. Er steigt aus, besieht das geringfügig ramponierte Heck seines Wagens, dann den Poller, steigt wieder ein und fährt weg.

An der Kurve wird in regelmäßigen Abständen gehupt. Und zwar dann, wenn ein Automobilist, meist wegen angestrengter Nutzung des Smartphones, nicht bemerkt, dass die Abbiegeampel auf Grün gesprungen ist. Soeben ist es die Fahrerin eines Porsche Cayenne, die ihrem Vordermann Letzteres lautstark zur Kenntnis bringt.

Auf dem Gehsteig fährt eine vierköpfige Familie auf Fahrrädern vorbei, um danach in den Park einzubiegen, an dessen Eingang ein Schild verkündet, dass hier Radfahren untersagt ist. Ein Bus nähert sich der Station. Diesem entsteigt ein junges Paar mit einem Buben im Vorschulalter, der sich an der Hand der Mutter festhält. Der Vater hievt ein buntes Dreirad heraus, dessen Schiebevorrichtung sich während des Aussteigens aus der Verankerung löst. Er stellt es auf dem Gehsteig ab und versucht, den Defekt zu beheben. Es gelingt nicht auf Anhieb, einsteigende Fahrgäste umrunden die kleine Familie, die Sonne brennt unbarmherzig hernieder. Sie: "Geh’ ma endlich weiter." Er: "Ich steck das jetzt zusammen, sonst heißt es wieder: ,Du als Mann wirst das doch schaffen!‘" Sie: "Aber es ist doch so: Du kannst mich in nichts unterstützen." Er hat das Dreirad mittlerweile instandgesetzt, die drei entfernen sich Richtung Park.

Ein kaffeebrauner Volvo Amazon aus den späten 60er Jahren nimmt majestätisch langsam die Kurve mit der Abbiegeampel. Das ältere Ehepaar hat den Picknicktisch verlassen, der Wind trägt die Zeitungsseiten in Richtung Blumenbeet. An der Station hat sich ein junges Paar eingefunden. Als der Bus einfährt, küssen sich die beiden leidenschaftlich, sie legt die Maske an und steigt ein, er winkt ihr nach. Der grüne Poller mit dem rot-weiß-roten Band steht mit leichter Neigung da. Ich nehme mein ungelesenes Buch und mache mich auf den Heimweg. Genug erlebt für einen Sonntag Nachmittag.