Es ist kaum zu glauben. Die Salzburger Festspiele werden 100 Jahre alt. Weswegen sie heuer auch zum 101. Mal zur Aufführung gelangen. Und das sind nicht die einzigen mathematischen Paradoxien dieses Festivalbetriebs. Das berühmteste Stück dieses Festivals der Hochkultur und Hochfinanz zum Beispiel, der "Jedermann" wurde erst 88 Mal aufgeführt. In den Jahren 1922 bis 1925 gab es kein "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", vielleicht auch, weil nach dem Zusammenbruch der Monarchie so mancher reiche Mann zwar sehr viel Kriegsanleihen besessen hatte, aber kein Geld mehr.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Und von 1938 bis 1945 gab es zwar viel Sterben und auch ausreichend reiche Männer (vor allem sehr viele neureiche), aber auch einen Propagandaminister eines 1000-jährigen Reichs, dem die Verbreitung von Unkultur sehr am Herzen lag. Weswegen kein "Jedermann" über den Domplatz gerufen worden ist. Dafür konnte man schon bald Lastwagen voll Menschen die Stadt verlassen sehen und für die musikalische Untermalung sorgten bald darauf Sirenen.

In diesen vergangenen 88 "Jedermann"-Aufführungen gab es 18 Schauspieler, die die Titelrolle verkörpert haben. Dem gegenüber stehen 35 Schauspielerinnen, die in Rolle der Buhlschaft geschlüpft sind. Eine Rolle, deren Ausgestaltung die großartige Sophie Rois nach ihrer einzigen Spielzeit am Domplatz einen gewissen "Tittenfetischismus" unterstellt hat. Ob man deshalb von einer Tittenrolle sprechen kann, weiß man nicht.

Wie dem auch sei, mathematisch herrscht ein Verhältnis von 1,94 periodische Buhlschaftsdarstellerinnen auf einen Jedermann-Impersonator. Kurz aufgerundet: Jeder Jedermann hat durchschnittlich zwei Buhlschaften. Das dürfte in etwa auch dem Privatleben der Herren im Publikum entsprechen.

Trotzdem hat die Chefdramaturgin der Festspiele natürlich recht, wenn sie kürzlich im Radio meinte, die Salzburger Festspiele hätten das beste Publikum der Welt. Sicher. Kommt nun darauf an, wie man "Welt" definiert.

Freilich könnte man jetzt nach 100 Jahren auch an zarte Modernisierungen denken. Es wäre doch schön, wenn man dem "Jedermann" - also dem Spiel vom Sterben des reichen Mannes - ein aktuelleres Gegenstück zur Seite stellen würde: "Jedentag - Vom Dahinvegetieren der gutbetuchten Unternehmer-Witwe". Gut, vielleicht braucht man das auch nicht, da sich das Drama zigfach im Publikum abspielt. Andererseits wär das ein saftiger Stoff für ein Kammerspiel à la Thomas Bernhard, wo ein stummer Diener einer älteren Dame regelmäßig Koffer voll Geld aus dem Haus trägt, während sie ihr Dasein beklagt. Schließlich kommt er mit einer Vorladung für einen Untersuchungsausschuss zurück. Offenes Ende.

Oder das Stück "Jedes Jahr - vom Abhalten abgedroschener Sonntagsreden". Auch hier könnte man einwenden, dass diese Form des Laientheaters unter der Mitwirkung von Stadt, Land und Bund regelmäßig aufgeführt wird. Aber gerade deshalb wünscht man sich doch eine professionelle Version. Oder zumindest einen gut ausgebildeten Schauspieler, der mitten in die von heißer Luft angefüllte Eröffnung mit festem Stimmsitz statt "Je-der-mann!" das ebenso dreisilbige, aber situativ treffendere Wort "Lang-weil-ig!" hereinbrüllen möge.

Und das jedes Mal. Die nächsten 100 Jahre.