Wie es ist, wenn man sich ängstigt, darüber unterhalten wir uns öfter, denn meine Töchter lassen die Dachbodentür immer sperrangelweit offen, weil sie Angst vor der Dunkelheit haben. Ich will, dass die Tür geschlossen wird, damit die Katzen dort nicht ihr Ruhelager aufschlagen. Die Kinder aber knipsen den Lichtschalter am Dachboden schnell aus und sind einen Atemzug später schon einen halben Stock weiter unten. Man kann keine Tür mehr schließen, wenn einem die Angst im Nacken sitzt.

Angst hat etwas Lähmendes. Und seit Corona wissen wir, dass Angst nicht nur lähmt, wenn man sie selber spürt, sondern auch dann, wenn einem ein Gegenüber signalisiert, dass es Angst vor einem hat: Eine Nachbarin im Wald blieb in ihrem Garten drei Meter vom Gartenzaun weg stehen, während ich draußen einen halben Meter vom Zaun weg stand. Sie machte das Gatter nicht auf, also redeten wir beide durch den Bretterzaun hindurch, weil wir beide zu klein sind, um darüber hinweg zu schauen. Sie bat mich, bald wiederzukommen. Mir ist es aber nicht angenehm, jemanden zu besuchen, der Angst vor mir hat.

Beim Urlaub in meiner alten Heimat stellte ich fest, dass die Landbewohner weniger ängstlich sind als die Städter. In dem Bezirk, in dem wir urlaubten, hatte es in den vergangenen Wochen kaum Erkrankungsfälle gegeben. Es war sehr nett, sich mit Leuten zu treffen, die einem manchmal die Hand gaben, dann wieder nicht, alles je nach Gemütslage. Ich wurde auch nicht genötigt, mir die Hände ständig zu desinfizieren. Man setzte sich in normalen Abständen voneinander an den Gartentisch, trank Kaffee und plauderte gemütlich.

Auf der Rückreise hielten wir in einem Dorf mit Metzger, und ich hüpfte hinaus, um uns zu verproviantieren. Als wir schon über die Schwelle getreten waren, sagte meine Tochter warnend, dass wir keine Maske mithätten. Im Geschäft war außer der mit Visier bewehrten Inhaberin niemand da. Ich fragte, ob ich wieder gehen müsse, weil ich keine Maske hatte. Die Dame hieß mich bleiben, es sei ohnehin niemand da und außerdem: "Mir sama koa Polizei net."

Dieser Satz gefällt mir. Aus ihm spricht Lebensart. Ich blieb weit von der Theke weg, die Metzgerin dahinter. Ich zahlte und war, bevor noch jemand anderer gekommen wäre, aus dem Geschäft längst wieder draußen. Die Metzgerin hatte übrigens noch erwähnt, dass sie eine Kundin habe, die die Maske gar nicht aushalte. Diese Kundin habe psychische Probleme damit. Auch die dürfe kommen. Man schaue einfach, dass keine anderen Kunden im Geschäft sind.

Mir scheint, dass die Aufrufe, sich in Corona-Zeiten vernünftig aufzuführen, durchaus auch so zu verstehen sein sollten: Mehr Entspannung und weniger Stress.