Wenigstens den Wadeln tut die Krise gut. Aus purer Angst vor einer Ansteckung in den öffentlichen Verkehrsmitteln und auch weil meine Kardiologin meinte, dass mehr Bewegung jedenfalls immer besser ist als weniger Bewegung, bin ich auf das Fahrrad umgestiegen. Mein Körper freut sich. Meine Gesundheit auch. Nina Proll hat gerade wieder mal öffentlich über die Maskenpflicht gelacht. Mich würde ehrlich interessieren, wann Nina Proll zuletzt in Wien mit der U-Bahn gefahren ist. Eventuell sollte sie ihre Erfahrungswerte auffrischen. Zum Beispiel zu Stoßzeiten in der U6. Deshalb doch lieber Fahrrad.
Ich bin der klassische Schönwetter-Radler. Der Weg ist das Ziel, das sehe ich ganz so wie Hermann Hesse, und bevor ich in Terminprobleme sause, radle ich lieber früher los. Gleiten statt hetzen, dieser Weltgrundsatz der flüssigen Fortbewegung ist zu meiner Gangschaltung geworden. Wer gemütlich radelt, lebt länger. Theoretisch. Praktisch gilt: Neben dem Feindbild aller gestressten Autofahrer bin ich nun auch das Feindbild aller gestressten Radfahrer. An so viel Stress muss sich der Mensch erst mal gewöhnen.
Hobbysportler. Ringradweg-Tour-de-Francler. E-Bike-Raser. Tretroller-Weltmeister. Andere-aus-dem-Weg-Dränger. Alte. Junge. Männer, Frauen, Dicke, Dünne. Allesamt leben sie ihn aus, den Rausch der Geschwindigkeit, und allesamt vergessen sie dabei, dass es auf der Welt auch langsame Radler gibt. Ich kann Ihnen hunderte halb gehörter Beleidigungen aufzählen,
ganze Flüche habe ich nur selten ins Ohr gekriegt.
Das liegt am Verkehrsfluss. Die kommen von vorne oder hinten angerast, sehen dich bestenfalls als blöd positionierte Kipptorstange im weiteren Verlauf ihres Lebens an, fluchen beim arschknappen Ausweich- oder Überholmanöver wie ein Rap-Musiker ohne sonderlich viel Erfolgsaussichten und bevor das Schimpfwort fertig ausgesprochen ist, sind sie auch schon wieder weg.
Arschlo...! Blödes...! Scheißty...! Rege ich mich darüber auf? Nein. Meine Kardiologin sagt, ich soll mich nicht aufregen. Lieber arbeite ich am Lexikon der halben Schimpfwörter. Wenn ich gemütlich weiterradle, bin ich damit fertig bis zum Herbst.