Woran denken Sie bei dem Satz "Das war ein frugales Essen!"? Handelt es sich um ein Essen, das besonders üppig und reichhaltig war? Oder um ein einfaches, eher bescheidenes, aber recht gutes Essen, wie es sich ein sparsamer Haushalt gerade noch leisten kann?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Was immer Sie antworten, Sie liegen richtig. Frugal ist auf das lateinische Wort frugalis (bieder, ordentlich, wirtschaftlich) zurückzuführen und hat seinen Weg über das französische frugal (mäßig, einfach) in den deutschen Sprachraum gefunden. Das lateinische Herkunftswort ist frux (Frucht) mit dem Genitiv frugis. Die ursprüngliche Bedeutung des Adjektivs frugal ist also "zu den Früchten gehörig", wobei die Feldfrüchte gemeint waren, also Getreide, Erdäpfel und andere - im Gegensatz zu den edleren Gartenfrüchten.

Meist wird das Wort im Zusammenhang mit der Lebensweise einer Person oder auf Mahlzeiten bezogen, also auf Essen und Trinken. Wer frugal ist, der geht mit Ressourcen wie Geld, Essen oder Lebensmittel sparsam um. In einem erweiterten Sinn bedeutet das Adjektiv auch "günstig" oder "billig", sowie dass etwas nur in kleinen Mengen gereicht wird. Ist eine Speise frugal, so ist damit gemeint, dass sie einfach oder klein ist. So steht es in den Wörterbüchern.

Umgangssprachlich wird das Wort allerdings immer öfter gegenteilig verwendet. Wenn ein Gast das servierte Mahl als frugal bezeichnet, dann will er die Gastgeber loben: Das Essen sei opulent, üppig und reichhaltig gewesen.

Diese Bedeutungseskapade ins Gegenteil dürften schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts begonnen haben. So schrieb der in Leipzig geborene humoristische Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor Hans Reimann in seinem 1931 erschienenen "Vergnüglichen Handbuch der Deutschen Sprache": "Mein Vater übertrug dieses ,frugal‘ auf sämtliche opulenten Mahlzeiten und erntete gern, doch ahnungslos einen kleinen Lacher."

Im Internet findet man Eintragungen, in denen der Bedeutungswandel angeprangert wird. "Das Wort frugal wird oft falsch verwendet, was ein bisschen an seinem Klang liegt. Es bedeutet nicht eine gewisse Üppigkeit oder Fruchtigkeit, wie man vermuten könnte. Das Wort wird daher oft anstatt von üppig oder opulent verwendet, bedeutet aber genau das Gegenteil: spärlich, karg, schmal." Sollte allerdings eines Tages die Mehrheit der Sprecher das Wort frugal nur noch im Sinn von "opulent" verstehen und verwenden, dann ist die neue Bedeutung zweifellos "richtig" und nicht "falsch".

Wenn im Englischen von "frugal politics" und "political frugality" die Rede ist, gibt es allerdings nicht zwei Meinungen. Gemeint ist immer eine sparsame und ressourcenschonende Politik, bei der jedes Übermaß abgelehnt wird. "The Frugal Four" nennt sich deshalb innerhalb der EU eine Zweckkoalition, die in Budgetfragen gemeinsam auftritt. Sie besteht aus den Ländern Österreich, Dänemark, die Niederlande und Schweden. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wird in den österreichischen Medien die Ländergruppe meist als "die sparsamen Vier" bezeichnet. Damit ja niemand glaubt, die vier Länder stünden für eine opulente Budgetpolitik.