"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl mag TV-Ermittler mit liebenswerten "Schwächen".
"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl mag TV-Ermittler mit liebenswerten "Schwächen".

In seinem neuen Buch "Die blitzenden Waffen", in dem die Macht der Form auf luzide Weise beschworen wird, verweist der Wiener Philosoph Robert Pfaller auf den bemerkenswerten Umstand, dass immer mehr Kommissare in zeitgenössischen Krimiserien alte Autos fahren.

An Columbo und seinen buchstäblich abgefahrenen Peugeot 403, der mir als Beispiel dafür sogleich einfiele (und zeitgenössisch ist Columbo eigentlich immer), denkt er dabei interessanterweise nicht, dafür an einige "Tatort"-Ermittler, vom Kölner Freddy Schenk mit seinem Faible für US-Straßenkreuzer bis zu Bibi Fellner aus Wien in ihrer "Zuhälterflunder", einem Pontiac Firebird. Hier, so betont Pfaller, stehe nicht Effizienz (schon gar nicht der Fahrzeuge) im Vordergrund, sondern persönlicher Stil. Auch für konventionellere TV-Formate sei es unerlässlich, "ihren Figuren psychologische Tiefe zu verleihen. Ein Kommissar, der ein altes Auto besitzt, zeigt damit, dass er (oder sie) ein Herz hat."

Dank solch liebenswerter "Schwächen" werden Polizeibeamte zu Sympathieträgern, als welche sie in vielen deutschsprachigen (aber auch skandinavischen) Serien ausdrücklich und bewusst gestaltet werden. Sie bilden auf diese Weise ein Zuneigungs-Gegengewicht zum Schrecken und Bös(willig)en, das sie umgibt und gegen das sie vorgehen. Krimis - ganz egal, ob in Literatur, Film oder TV - gehören, und das wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Paradoxon, ins Genre der romantischen Idylle. Nur das erklärt ihren durchschlagenden Erfolg in allen Sparten der Unterhaltungsindustrie.

Nicht das Verbrechen zieht die (meisten) Menschen an, sondern dessen Einhegung und Abschwächung durch Kontraste. Aufklärung erscheint in diesem Zusammenhang als ein zu feierlicher und ambitionierter philosophischer Begriff, aber er trifft den Tatbestand, nämlich Licht ins Dunkel zu bringen, ziemlich genau. Dass Licht dabei ein ästhetisches Phänomen sui generis sein kann, etwa in Form naturschöner Tages- und Landschaftsaufnahmen, zeigen die vielen in idyllischen Gegenden spielenden Krimis.

Gab im "Tatort" den Hauptkommissar Paul Stoever: Manfred Krug (1937–2016).
Gab im "Tatort" den Hauptkommissar Paul Stoever: Manfred Krug (1937–2016).

Das Bukolische ist dabei - auch das ein romantischer Topos - mehr ein beschönigender Verhinderungs- als ein realer Hintergrund menschlichen Verbrechens. Der immense Erfolg von Regionalkrimis erklärt sich ja weniger daraus, dass das abgrundtief Böse in jede ländliche Ritze einzudringen vermag (obwohl man das durchaus für möglich halten darf und soll), sondern weil sich immer mehr Gegenden, Landkreise und Dörfer auf diese Weise - nämlich dank ihrer spezifischen natürlichen Gegebenheiten - dagegen fiktional zu erwehren wissen. Es ist eine ästhetische Immunisierungsstrategie: Landschaftliche Schönheit schlägt menschliche Verderbnis. Tja, schön wär’s.

Mein absoluter Sympathieträger unter deutschen Ermittlern war stets Manfred Krug in der Rolle des Hamburger Hauptkommissars Paul Stoever. Kürzlich sah ich ihn in einer der vielen sommerlichen "Tatort"-Wiederholungen wieder. Dabei beugte er sich über einen Getöteten - und meinte lapidar: "Es gibt auch unsympathische Leichen." Ein Satz für die Ewigkeit.