Zum Thema ist ein Zitat überliefert, auf das man jetzt zurückgreifen könnte: "Die größten Enttäuschungen haben ihren Ursprung in zu großen Erwartungen." Das ist nun für sich genommen richtig, allerdings sieht man schon, dass Ernst Ferstl diesen Gedanken in Prä-Corona-Zeiten ausformuliert hat. Immerhin lässt sich der Frust, der sich zunächst durch Isolation, dann den sozialen Sicherheitsabstand zu geliebten nicht im eigenen Haushalt lebenden Personen, durch wirtschaftlichen Abschwung, Sparmaßnahmen und Jobverlust, Homeschooling-Verpflichtung und Reisebeschränkungen ergibt, nicht vordergründig mit der Erwartungshaltung erklären. Es ist, wie es ist, also mitunter eher nicht ganz so rosig.

Wie man gegensteuert (und damit ganz nebenbei Werbung in eigener Sache macht), wird derzeit aus Island erklärt. Der hiesige Tourismusfachverband weist auf der Seite lookslikeyouneediceland.com auf die Möglichkeit hin, seinen Urschrei in die Weite des Inselstaates zu entlassen. Das soll den Druckabbau erleichtern - und befreien. Und bevor es coronatechnisch im echten Leben wieder möglich sein wird, darf man das Brülltier auch von daheim vor dem Computer aus geben wie ein japanischer Noisemusiker bei der Vertonung eines Kamikazefluges auf Pearl Harbor. Lass! Es! Raus!

Der Isländer kennt sich diesbezüglich nicht nur aufgrund seines Vorlebens in der Wikingerzeit aus. Der interessierten Öffentlichkeit ist eventuell auch noch der im Rahmen der Europameisterschaft 2016 in Frankreich bekanntgewordene Schlachtruf seiner Fußballfans in Erinnerung: "Huh!"

Die aufgezeichneten Schreie jedenfalls werden dann über in die Natur gestellte Lautsprecherboxen in die Landschaft getragen, wie man wiederum via Internet überprüfen kann. Vielleicht verschafft man sich ja bei einem einsamen Wandersmann Gehör, vielleicht findet der eruptive Laut an irgendeinem Jökull oder einer Dampfquelle mit nackt badenden Einheimischen vorbei aber auch seinen Weg in das Ohr einer ortsansässigen Dóttir. Auch im Vogelreich kommt der lauteste Paarungsruf auf sagenhaft aufdringliche 125 Dezibel. Manche sollen ihn erträglicher finden als das Gesamtwerk der bereits als Schreckschraube bezeichneten isländischen Sängerin Björk.

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Im Urlaub bin ich im Hoamatland auf einen Berg hinauf. Es war sehr heiß und sehr steil. Mein Frust kam als gefluchtes Echo von der Bergwand zurück. Das war befreiend für mich, aber auch sehr sozial von mir: Allfällige draußen über den fernen Steig kreuchende Wiener konnten sich endlich wieder wie zu Hause fühlen. "Liebe zur Natur ist die einzige Liebe, die menschliche Hoffnungen nicht enttäuscht." Vielleicht hätte man übrigens auch Honoré de Balzac einmal auf so einen Berg schicken sollen.