Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Auf einer Website las ich die Headline: "Lage in Lybien verschärft sich". Gut, mag man einwenden, ein Tippfehler, kann passieren! Klar - aber warum? Der Grund, warum so etwas zustande kommt, ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass manche Kolleginnen und Kollegen in Rundfunk und Fernsehen genau das sagen, was da steht, und ein Land erfinden namens - ich drücke es lautsprachlich aus - Lübien. So entsteht, insbesondere dann, wenn das Fernsehen auch noch Untertitel dazu sendet ("zweite Informationsebene", weil wir Zuschauer uns ja keine drei Sekunden merken können, was gesagt wurde), eine besondere Art Text-Bild-Schere.

Bringt aber nichts, sie sagen weiter Lybien. Vielleicht kann das niemand verstehen, aber es macht mir schlechte Laune. Und die teile ich gerne mit denen, die auch aus solchen Gründen angefressen sind. Vielleicht können wir ja etwas unternehmen und zu einem semantischen Gegenschlag ausholen und alle Konstellationen von "i" und "y" in Worten umkehren, um diese Ydille anzukratzen und die irregeleiteten Liebhaber des Ypsilons (oder Ipsylons?) aus ihrem Labirynth zu leiten.

Und weil ich gerade so schön in Fahrt bin, mache ich gleich weiter, und zwar an dieselben und ein paar andere Kandidaten gerichtet, die, nachdem sie die desolate Situation in Lybien beschrieben haben, in der nächsten Nachricht über Künstliche Intelligenz reden. Nun muss wieder einem erklecklichen Teil dieser Kolleginnen und Kollegen auch noch dies ans Herz gelegt werden: Diese Dinger, die im Internet herumschwärmen und Intelligenz simulieren, um Probleme zu lösen, die keiner durchschaut, und die dazu führen, dass wir ständig Werbung für Dinge erhalten, die wir grad gekauft haben, heißen: Algorithmen.

Es sind mathematische Regeln, keine musikalischen, wie offenbar jeder Zweite meint, der diesen Begriff gebraucht und ihn ausspricht, als schriebe man das Wort so: Algorhythmen. Im Duden kann man das nachschauen unter "falsche Schreibweise". Es geht im Übrigen noch falscher, wenn man sich auch noch beim Rhythmus verschreibt und Algorythmen produziert, was allerdings andererseits auch schon wieder ein "h" näher am Original ist. Also merke: Algo-rith-men, warum auch immer, vielleicht, weil das Wort arabischer Herkunft ist, obwohl die Programme aus uramerikanischen Tech-Companies stammen. Aber vielleicht denken ja auch viele, weil diese Programme irgendwie partiturartig konstruiert sind und durchaus mit musikalischen Begriffen beschrieben werden könnten (andante beginnend und, wenn man nicht aufpasst, furioso endend), sie seien wohl die Rhythmen einer Zukunftsmusik.

Und da nun ein Algorithmus eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Problemklasse darstellt, die aus einer endlichen Zahl präzise formulierter, wohldefinierter Einzelanweisungen besteht, ist diese Kolumne, wie ich eben merke, einer davon, wenn auch ein kurzer. Trotzdem mit "i". Macht gute Laune.