Ich sitz da also grad so herum und plötzlich steht einer hinter mir und fragt mich: "Darf ich Ihre Haare berühren?"

Okay, vorher hatte ich zu IHM gesagt: "Waschen und Schneiden, bitte." Darauf er: "Föhnen auch?" Wieder ich: "Ach, trocknen tun die Haar‘ eh von selber." Und das würden sie genauso gut auf der Straße draußen können. Hauptsache, ich war nicht länger als unbedingt nötig mit haushaltsfremden Personen in einem Raum. Trotz Maske. Oder streng genommen war lediglich EINE haushaltsfremde Person anwesend: der Friseur eben.

"Der" Friseur? Genau. Ein Er. Übrigens der erste Mann, der mir die Haare geschnitten hat. Die Frauen haben sich mittlerweile ja wirklich lange genug emanzipieren müssen, jetzt sind einmal die Männer dran. Die Mädchen sollen technische Berufe ergreifen? Automechaniker womöglich? Sollen doch die Buben Friseurin werden!

Und Supermarktkassierin!

"Darf ich Ihre Haare berühren?" - Blöde Frage. NATÜRLICH durfte er. Er musste sogar. Wie hätte er mir andernfalls eine Frisur machen sollen? Andererseits war mein letzter Friseurbesuch bereits drei Jahre her und vielleicht hatte die Menschheit, die anscheinend immer menschenscheuer wird, in der Zwischenzeit die Fähigkeit erworben, nicht bloß kontaktlos zu bezahlen, sondern obendrein kontaktlos zu frisieren. (Eher unwahrscheinlich.) Fast hätte ich geantwortet: "Na ja, wenn Sie sich die Hände desinfiziert ham . . ." Allerdings würde er mir doch sowieso die Haare waschen und dabei automatisch die eigenen Hände mit. Und vermutlich hatte seine Frage ohnedies weniger mit dem C-Virus zu tun als mit dieser anderen Pandemie, gegen die offenbar auch nur physische Distanz hilft (halt zwischen den Geschlechtern und nicht gleich zwischen ALLEN Leuten): MeToo. Social Distancing ist außerdem keine Erfindung der Virologen, das hat es schon früher gegeben (Männer und Frauen, Arme und Beine, Tschuldigung: "und Reiche", Rapid- und Austria-Fans . . .).

Und wenn das Kitzeln der eigenen Kinder tatsächlich Kindesmissbrauch ist, weil ihr Lachen Psychologen zufolge in Wahrheit ein verzweifelter Hilferuf sein könnte, dann ist das Kämmen fremder Behaarung aber auf jeden Fall sexuelle Belästigung. (Und mich hat der Friseur sogar vergewaltigt. Der hat mir nämlich MEHR abgeschnitten als bloß die Spitzen.)

Ab sofort trinke ich meinen Kaffee schwarz. Sonst beschimpft mich noch wer als Kuhschänderin. Immerhin wird die Milch auf sehr übergriffige Weise gewonnen. Drum lieber bei allem zuerst einmal um Erlaubnis bitten ("Darf ich dich erschrecken?" - "Klar." - "Buh!"). Oder sich vorm Kitzeln ein Safeword ausmachen. ("Nein!") Klingt unspontan, dafür wäre die Welt viel friedlicher. ("He, hättest was dagegen, wenn ich zu dir ,Arschloch‘ sag? - "Voll." - "Na dann halt ned.")

Bezahlt hab ich am Ende in bar. Schien mir sicherer, als gleich fünf Tasten auf dem Kartenlesegerät kontaktieren zu müssen. Hat die PIN nicht vier Stellen? Ja, eh. Und "Okay". Nein, der Friseur hat NICHT gefragt, ob er mein Geld anfassen darf. War schließlich eigentlich SEIN Geld. Und die eigenen Sachen darf man noch UNGEFRAGT begrapschen.