Die Vorgeschichte reicht in den Sommer 2018 zurück. Nach Erkenntnis G77/2018 des Verfassungsgerichtshofes muss es bei Geschlechtseintragungen neben weiblich und männlich seit 1. Jänner 2020 auch eine dritte Möglichkeit geben. Als Abkürzung ist neben w und m ein x vorgesehen. Wer divers oder inter ist, so lauten die gängigen Begriffe, kann sich dieses x im Pass eintragen lassen. In Österreich haben grob geschätzt etwa 8000 Menschen dieses Recht, das sind etwa ein Promille der Bevölkerung. In Deutschland gab es eine ähnliche Entscheidung.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Dass es in amtlichen Formularen Vorkehrungen für die "nichtbinäre Identitäten" geben muss, ist einsichtig. Aber einige Universitäten und öffentliche Einrichtungen sind kurz vor dem Jahreswechsel einen Schritt weiter gegangen: Sie legten Anredeformen mit Genderstern fest: Liebe*r Studierende*r, Liebe*r Benutzer*in.

In das Regelwerk der deutschen Sprache ist der Genderstern allerdings nicht aufgenommen worden. Der normgebende "Rat für deutsche Rechtschreibung" hat sich darauf geeinigt, den Sprachgebrauch zunächst weiter zu beobachten. Der Diskurs zur Gendersprache verläuft seither kontrovers. So sind beispielsweise viele Feministinnen gegen das Sternderl, weil damit die Sichtbarmachung von Frauen durch das Binnen-I zu Grabe getragen wurde.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das jetzige Vorpreschen des "Rechtschreib-Dudens" in Fachkreisen Diskussionen ausgelöst hat. Im "Duden" steht nun über den Genderstern: Es sei zu beobachten, dass sich diese Variante in der Schreibpraxis "immer mehr durchsetzt". Beispiel: "Schüler*innen". Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum: "Wir legen Wert darauf zu sagen, dass das keine Regel ist, die wir verordnen", betont sie.

Da aber der "Rechtschreib-Duden" von vielen als normgebend empfunden wird - zu Unrecht, wie man weiß, aber so ist es halt -, war die Aufregung groß. Viele hatten den Eindruck, dass das umstrittene Gendersternchen nun einen offiziellen Anstrich bekommen hat.

Ich halte die Sache für eine geschickte Marketingstrategie des Verlages. Auf duden.de gibt es gratis ein perfektes und umfangreiches Wörterbuch, das durch Werbung finanziert wird. Der werbefreie "Rechtschreib-Duden" steht dazu in Konkurrenz und wird im Buchhandel verkauft. Daher muss für jede neue Buchausgabe viel Lärm gemacht werden. Der Passus über den Genderstern führt zu Zeitungsberichten, das ist unbezahlte Werbung.

Gleiches leistet die Liste jener Wörter, die neu aufgenommen wurden und nun diskutiert werden. Aber worin liegt der Wert, dass nun "Atemschutzmaske" und "Intensivbett" erstmals im "Duden" aufscheinen? Bei den meisten Neologismen handelt es sich um simple Zusammensetzungen, die orthographisch keine Probleme bereiten. Oder um Fachbegriffe wie "Reproduktionszahl", die ich auf Wikipedia ausführlich erklärt bekomme. Der Rest sind Anglizismen, die durch die Aufnahme in den Duden geadelt werden. Auch das missfällt vielen.

Ceterum censeo: Das "Österreichische Wörterbuch" prunkt nicht mit regelmäßigen Neuauflagen und enthält auch den spezifisch österreichischen Wortschatz.