Si tacuisses... Hättest Du geschwiegen, wärst Du ein Philosoph geblieben! Der alte Lateiner-Sinnspruch, gern bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hervorgekramt von bildungsbürgerlichen Privatdozenten, ist zeitgemässer denn je. Leider. Denn heute sind nicht mehr antike Foren oder rauchverhangene Stammtische die Orte der Wahl, wenn es um den mehr oder minder gepflegten Diskurs geht (also, weit gefasst: den zwischenmenschlichen Meinungsaustausch). Sondern die ironischerweise so benannten "Sozialen" Medien wie Facebook, Twitter, Instagram & Co. Und freilich auch, eindimensionaler, die Kommentarspalten der Online-Ausgaben der alten Medien. Allen voran Zeitungen, die es schon vor Jahrzehnten gab.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es sind eventuell besonders kluge Mitmenschen, die diese Orte meiden. Man lässt sich ja - und ich weiß, wovon ich rede - in der Hitze des Gefechts zu allerlei hinreißen, etwa zu leisen Anflügen von Verschwörungstheorien. Oder zu Äußerungen, die man von Angesicht zu Angesicht so wohl nicht tätigen würde. Es ist ein weitverbreitetes Phänomen, das bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten reicht: digitales Maulheldentum, Brustgetrommel, Drohgebärden und Allmachtsfantasien im Affekt. Oft im (vermeintlichen) Schutz der politischen Immunität, konterkariert von der (vermeintlichen) Anonymität des "kleinen Mannes" mit lustigem Pseudonym. Man kann Watschentänze und Wadelbeißereien diesen Zuschnitts ständig und allerorten verfolgen. Besonders konzentriert auf Twitter. Da einander hierorts vornehmlich Politiker, Politberater, Profi- und Privatideologen sowie Journalisten etwas ausrichten, ist die Selbstverortung im Katalog der Idioten oft extra prickelnd. Oder besonders beschämend.

Si tacuisses! Aber ich kann mich dann leider auch oft nicht in Zurückhaltung üben. So antwortete ich neulich spontan der Miteigentümerin der "Kronen Zeitung", Eva D., die auf Twitter deklamiert hatte, dass "Postings in Zeitungsforen einfach nicht mehr anonym sein dürfen". Der ganze Beschimpfungs- und Hassdreck gehöre weg, auch wenn das manche Medien Traffic und Geld koste. Wohlan! Ob sie damit auch den institutionalisierten Hasspriester und "Krone"-Kolumnisten Michael J. meine, fragte ich keck zurück. Keine Antwort, aber doch deutliche Aufmerksamkeit. Anlass für den Disput war und ist ein Gesetzesentwurf, an dem Kanzleramt und Justizministerium derzeit schrauben. Es soll, neben dem Verbot von "Upskirting", also dem heimlichen Fotografieren unter dem Rock von Frauen (das war, äh, bislang erlaubt?), auch neue, strenge Regeln für Medienplattformen mit sich bringen. Gegen "Hass im Netz". Nun ist gut gemeint noch lange nicht gut. Und juristisch präzise, treffsicher, praktikabel. Tatsächlich wogt schona priori der Streit, ob damit nur "Konzerne mit Milliardenumsätzen" wie Facebook, Twitter & Co. gemeint sein sollten oder eben auch "Kronenzeitung", "Standard" und ihre Foren. Und wie man denn das mit der Anonymität regeln wolle. Kurioserweise nennt das "heute", einen "Stunt".

D’accord. Was immer kommt: Ich wette, wir alle zerreißen uns das Maul darüber. Öffentlich. Mit Klarnamen.