Eigentlich hatte ich mit den Bergen abgeschlossen. Auf Berge zu steigen und dann wieder herunterzugehen, das sollte der Vergangenheit angehören. Ich war bergmüde, bergüberdrüssig, ja bergavers. Vielleicht hatte ich in meinem Leben schon zu viele Berge bestiegen.

Das Salzkammergut rauf und runter, Südtiroler Berge en masse, dazu die halben bayerischen Alpen. Mit zehn Jahren kletterte ich schon auf den Traunstein, und ein Klettersteigset, wie es heute jeder halbwegs bergtaugliche Mensch besitzt, kannten wir noch nicht einmal dem Namen nach. Irgendwann aber hatten die Berge mit all ihrer Erhabenheit nichts mehr in mir ausgelöst. Ich fuhr in die Berge und spürte - nichts. Folglich wechselte ich zu den Flachlandwanderern, marschierte tagelang irgendwelche Fernwanderwege am Meer entlang und erkor das deutsche Mittelgebirge zum höchsten der Gefühle und Erhebungen.

Nun aber treibt es mich wieder in die Berge, und schuld daran ist der Klimawandel. Da jeder Tag mit Temperaturen über 30 Grad für mich ein Horrortag ist, diese Hitzetage aber gleichzeitig immer häufiger werden, bleiben mir im Sommer genau zwei Fluchtmöglichkeiten: ans Meer und in die Berge. Da Ersteres zu weit ist, bleiben nur Letztere. Und so stapfe ich in diesem August nach langer Abwesenheit wieder über Almen und Wurzeln, über Fels und durch Fichtenwälder. Und bin erstaunt, wie gut sich das anfühlt. Und wie altmodisch ich damit wirke. Denn rings um mich her hier in Osttirol scheinen sich die meisten Bergbesucher nicht mehr mit einfachem Wandern zu begnügen.

Ständig werde ich von "Trailrunnern" überholt, die, so ein Werbeslogan, "das Bergsteigen in ein neues Zeitalter" bringen - offenbar in eines, wo man keine Zeit mehr hat, um den Ausblick zu genießen. Stattdessen starren diese Bergläufer stur vor sich hin, für sie ist die Natur nicht einmal mehr Kulisse, sondern nur noch Trainingsgelände. Ähnlich die unzähligen E-Biker, die nun leicht pedalierend jede Steigung mühelos bewältigen, aber ebenfalls stur geradeaus starren, als gäbe es links und rechts nichts zu sehen. Die Alpen als Trail eben.

Die skurrilsten Sportler aber begegneten mir kurz vor Obertilliach in Osttirol. An einer Baustellenampel an der Straße durchs dortige Gailtal kam ich mit meinem Auto hinter drei schlaksigen Typen mit nackten Oberkörpern zu stehen - die auf ihren Rollskiern auf der viel befahrenen B 111 unterwegs waren. Trostloser, so dachte ich, kann man die Berge nun wirklich nicht erleben. Und wusste zugleich, dass ich angesichts all dieser absurden alpinen Fortbewegungsarten fortan dem ganz und gar konventionellen Wandern wieder zutiefst verfallen würde.