Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Also Urlaub in Österreich. Nichts dagegen. Ich sitze auf einer Bank im Park eines oberösterreichischen Kurorts. Fin-de-Siècle-Charme: Adrette Villen ringsum, gekieste Wege, in einiger Entfernung hohe Buchen. Etliche Parkbänke stehen schräg zu den Kanten der dahinter liegenden Rasenstücke, dem Musikpavillon zugewandt.

Auf einem kleinen Traktor, aus dessen Heck zwei metallene Schienen ragen, kommt ein Gartenarbeiter gefahren. Er hält vor einer der aus dem Winkel geratenen Bänke, hebt sie mit den Schienen leicht an und rückt sie gerade. So wie meine Bank steht, müsste er wohl auch hier korrigieren. Wenig später ist es so weit: Ich stehe auf, wir wechseln ein paar Worte, und ich darf nach dem entsprechenden Manöver wieder Platz nehmen.

Am Rand des Wäldchens bremst ein älterer Mann sein E-Bike ab. Er versucht abzusteigen, es gelingt auf den zweiten Versuch. Seufzend lässt er sich auf eine Bank plumpsen und zippt das grell-orange Radlerleibchen, das die Logos etlicher Firmen trägt, bis zum Nabel auf. Weiße Brusthaarbüschel quellen hervor, ein mächtiger Bauch wird zur Hälfte freigelegt.

Auf den Weg vor mir biegt eine Frau um die fünfzig ein, die einen Buggy schiebt und einen etwa eineinhalbjährigen Buben an der Hand führt. Sie steuert eine Bank an. "Lukas, magst’ dich hierher setzen?" Lukas sagt nichts und wird auf die Sitzfläche gehievt. Der freie Raum zwischen dieser und der Lehne ist für Erwachsene dimensioniert. Die Frau dreht sich um und macht sich am Buggy zu schaffen. "Die Oma kommt gleich."

Lukas kann sich nicht aufrecht halten und kippt nach hinten weg. Sekundenbruchteile später liegt er auf dem Kies und schreit. Die Oma wendet sich ihrem Enkel zu und sieht diesen verdutzt an: "Ja, Lukas, was machst denn da? Bist runterg’fallen? Na, geh." Sie hilft Lukas auf die Beine, dieser schlägt mit der flachen Hand auf die sauber weiß lackierten Bretter, auf denen ihm eine so kurze Rast vergönnt war. Die Oma sekundiert: "Böse Bank! Böse Bank!" Sie blickt kurz zu mir und wendet sich wieder an den Buben: "Willst in den Buggy?" Lukas will nicht, die beiden ziehen Hand in Hand weiter.

Ein schwarzer Mischlingshund läuft auf ein Rasenstück und verrichtet dort sein Geschäft. Das Herrl steht in gemessener Entfernung und schaut angestrengt in die entgegengesetzte Richtung. Sein Blick bleibt an der Villa hängen, in der zu Kaisers Zeiten etliche Mitglieder des Hochadels abstiegen, um ihre diversen Geschlechtskrankheiten behandeln zu lassen. Der Hund ist mit seiner Verrichtung zu Ende gekommen und läuft zu seinem Herrl, das augenblicklich jedes Interesse an der Villa verliert.

Ich beschließe, einen Kaffee trinken zu gehen, und verlasse meine Bank. Die Vorrichtung mit den zwei metallenen Schienen am Heck des Traktors heißt übrigens "Palettengabel", wie der Gartenarbeiter mir verraten hat. Eine lehrreiche Sache, so ein Österreichurlaub.