Diese ständigen neuen Reisewarnungen verunsichern mich schön langsam. Denn immerhin halte ich mich grad in einem Risikogebiet auf. Okay, das ist noch nicht offiziell, das mit dem Risikogebiet, doch wenn die Zahl der Neuinfektionen hier weiter so steigt, dauert es bestimmt nimmer lang, bis alle Österreicher aufgefordert werden, die Region umgehend zu verlassen und heimzureisen. Dann hätte ich aber ein echtes Problem. Schließlich BIN ich bereits dort, nämlich daheim. Also in Wien.

Ach, die Wiener werden wahrscheinlich sowieso bleiben dürfen. (In Wien.) Dafür werden sie anderswo genauso unerwünscht sein wie die Kroatienrückkehrer. Und die sollen ja sogar schon mancherorts Lokalverbot haben. Am Anfang haben alle Angst vor den CHINESEN gehabt und sind in kein Chinarestaurant mehr gegangen, nachher waren’s die Italiener, die Tiroler, irgendwann sämtliche Blondinen (hätten Schwedinnen sein können) und seit kurzem sind’s die Jungen (trau keinem unter 30, er war womöglich auf einer Poolparty) und eben "die Reiserückkehrer". Natürlich hat nicht jeder Braun- oder Rotgebrannte in Kroatien geurlaubt. (Eh nicht, er könnte seine Farbe auch auf Mallorca gekriegt haben.) Und plötzlich muss ich mich vor mir selber fürchten, zu mir selbst Abstand halten. Wie schieb ich jetzt bloß den Babyelefanten zwischen mich und mich?

Dabei wollte ich dieses Wochenende ins Ausland reisen. In die Steiermark. Mit dem Heinz. Die Steirer werden uns garantiert gleich in eine zehntägige Quarantäne stecken. Dazu müssten sie uns allerdings erst einmal DRAUFKOMMEN, dass wir aus Wien anreisen. Wenn uns wer fragt, woher wir sind, behaupten wir einfach: aus dem Burgenland. So wie die Kroatienrückkehrer allesamt in Slowenien waren. Gut, das W im Kennzeichen könnte uns verraten. Das steht zwar nicht für "Wuhan", "Wien" ist aber offenbar genauso schlimm. Noch dazu kommt das Virus bekanntlich mit dem Auto. He, und wenn wir mit dem Zug fahren? Oder das Auto ein paar Blocks entfernt parken? Der Heinz ist skeptisch: "A poa Blocks entfernt von der Steiermark?" - "Naa, a poa Blocks entfernt vom Hotel. Und fürs letzte Stückl nehma uns a Taxi." - "Und a Taxi is vielleicht KA Auto?"

Zum Glück bin ich eine schlecht integrierte Wienerin mit Migrationshintergrund (mit Kärntner Wurzeln), die die Sprache ihrer neuen Heimat noch immer nicht gelernt hat: Wienerisch. Und der Heinz ist tatsächlich ein gebürtiger Burgenländer. Außerdem war er beim Bundesheer. Der kennt sich mit dem Tarnen und Täuschen super aus. Wir dürfen uns halt schlichtweg nicht wie Wiener benehmen. Nicht raunzen und auf keinen Fall "Heast, Oida" sagen oder: "Das hab ich im ,Heute‘ g’lesen." ("Du liest dieses Kasblattl?" - "Darum geht’s jetzt ned, Heinz." - "Doch, irgendwie schon.") Und im Kaffeehaus stellen wir uns blöd. ("Einen Kaffee, bitte. Mit so einem Schaum oben drauf." - "Einen Cappuccino?" - "Wenns meinen, dass der so heißt.") Als hätten wir noch nie was von einer Melange gehört. (Oder von einem Franziskaner, Kapuziner, Fiaker, Einspänner . . .) Wir werden gaaanz tolle Nicht-Wiener sein. ("Und wehe, Heinz, du bestellst dir a Wiener Schnitzel.")