Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Es ist eine Sommernacht im August. Der Heimweg führt durch den Wiener Prater, mitten durch den kühlen Atem mächtiger Bäume. Gerade war es noch so heiß, dass man sich nach dem nächtlichen Bad in der Alten Donau nicht abtrocknen brauchte, jetzt Gänsehaut und wohlige Schauer, weil mir der Fahrtwind ins Hemd haucht.

Der Zugang zu großflächigen Erholungsgebieten ist ein Verdienst von Wiens Politikerinnen und Politikern, die vor Jahrzehnten den Grundstein dafür gelegt haben, dass die Stadt heute höchste Lebensqualität bietet. Relativ leistbares Wohnen, Kinderbetreuung, Gesundheitsvorsorge, Zugang zu Bildung, effiziente öffentliche Verkehrsmittel und - eben - urbaner Erholungsraum: Errungenschaften von Stadtregierungen, die sich sozialer Gerechtigkeit verpflichtet sahen und dieses Ziel mit Weitsicht verfolgten.

Leider hat sich irgendwann ein Denkfehler eingeschlichen: Dass es nämlich lebenswert, gerecht und sozial sei, dass möglichst viele Menschen ein Auto besitzen und dazu einen Parkplatz vor der Tür. Es ist ein Irrtum, den Bezirkspolitiker gerne mit Worten wie diesen zum Ausdruck bringen: "Wir haben nicht so lange gekämpft, damit sich jeder ein Auto leisten kann, um jetzt den Leuten die Autos wieder wegzunehmen." Es ist dies vermutlich keiner bösen Absicht geschuldet und keine Wiener Besonderheit, aber ein Irrtum mit weitreichenden schädlichen Folgen.

Wohlstand und soziale Gerechtigkeit erzielen wir heute nicht mehr durch billigen Treibstoff, Straßenbau, ein Immer-weiter-Versiegeln von Grünraum und ein Fortschreiben der Abhängigkeiten vom Kraftfahrzeug. Sondern durch den Umbau unserer Straßen in Lebens- und Naturräume. Nicht jeder nämlich wohnt am Stadtrand oder im Cottage-Viertel - und auch die Donauinsel nützt wenig, wenn parkende Autos und Betonflächen vor dem Fenster die Luft aufheizen.

Langsam wächst das Bewusstsein für diese Notwendigkeit. Kein Zufall, dass sich - mit dem Näherrücken des Wahltermins - entsprechende Projekte häufen: Pop-up-Radwege, kühle Straßen, ein "schwimmender Garten" vor dem Flex, ein Schwimmbad am Gürtel, Konzepte wie "Raus aus dem Asphalt", mit dem Blumenbeete dort errichtet werden, wo früher Parkplätze waren.

Aber noch sind dies einzelne Glanzlichter, die von einer Politik ablenken, die immer noch vor allem eines ist: Automobil-zentriert. Es wäre zu wünschen, dass sich die Schaustücke und Wahlzuckerln als Vorboten einer massiven Umgestaltung erweisen. Und dass uns der kühle Atem mächtiger Bäume in ein paar Jahren auch dann ins Hawaiihemd kriecht, wenn wir - meinetwegen - am Gürtel unterwegs sind. Oder auf der Triester Straße.