Mein Leben hängt von einer Maschine ab. Das ist ein Satz, dessen Tragweite, Sinn und Wucht ich noch nicht ganz erfasst habe. Der Verstand setzt aus, wenn es um die eigene Existenz geht - man flüchtet sich in vage Begrifflichkeiten wie Zuversicht oder Glück. Und wünscht es sich selbst.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Wenn Sie diese Zeilen lesen, liege ich auf der Intensivstation eines Wiener Krankenhauses. Hinter (oder noch vor) mir habe ich eine Operation am offenen Herzen. Sie verlängert mein Leben, kann aber auch meinen Tod bedeuten. Letalitätsrate 1,2 Prozent, wie mir mein Chirurg erklärt hat. Ich habe unterschrieben, dass ich dieses Risiko in Kauf nehme; das ist die Bürokratie des Irdischen. Irgendwann löst sie sich in Nichts auf. Aber ich vertraue auf die Kunst der Ärzte. Und die medizinische Technik und fachliche Kompetenz des Krankenhauses, die es so vor zwei, drei Generationen noch nicht gegeben hat. Auch das ein Wink des Schicksals.

Ich weiß wenig über die Maschine, die mich am Leben erhält. Das meint einerseits jenen Muskel, der seit 58 Jahren ohne Unterbrechung das Blut durch meine Venen und Arterien pumpt, im Lauf eines durchschnittlichen Lebens zwei bis drei Milliarden mal ("Das hält keine künstliche Pumpe aus", las ich in einem ärztlichen Ratgeber). Das Zentralorgan: ein biologisches Wunder. Es schwächelte nur merkbar.

Andererseits wird es nun für einige Stunden künstlich stillgelegt. Und durch eine Herz-Lungen-Maschine ersetzt, die den Kreislauf in Gang hält. Die komplexe Konstruktion wurde bereits im 19. Jahrhundert erdacht, kam aber erst 1953 erstmals operativ zum Einsatz. Sie besteht im Großen und Ganzen aus einem Gasaustauschgerät, einer Pumpe, einem Wärmeaustauscher und einem Filter. Hier greifen, grob gesagt, Mechanik, Elektronik, Physik und Chemie und die menschliche Natur wie Zahnräder ineinander. Und das - schwere Herzkrankheiten sind in Österreich nicht unverbreitet - zehntausend mal jährlich. Die Maschinerie kommt bei Vollnarkose und geöffnetem Brustkorb im Zustand artifizieller Hypothermie, also absichtlicher Unterkühlung, zum Einsatz. Wollen Sie wirklich mehr wissen?

Ich bin die letzten Tage und Wochen über starken Gemütsschwankungen unterlegen, ob. Oder ob nicht. Mittlerweile gilt das Risiko einer solchen Operation immerhin als überschaubar. Dennoch: "Dem Abstellen des Herzens kann man zwar mit dem Verstand zustimmen", las ich nach, "ob dies auch das Unbewusste kann, ist fraglich. Es ist ein von der Natur nicht vorhergesehener Eingriff". Aber was wäre die Alternative? Ein Abonnement auf einen Herzinfarkt? Finale Ignoranz? Ein vorzeitiger Zieleinlauf?

Wenn ich das so locker überstehe, wie mir es mein Arzt vermittelt (oder auch nur freundlicherweise vorgaukelt), dann werde ich Ihnen berichten. Versprochen! Aber erst wenn mir danach ist. Absehbar etwa nach dem erneuten Warmlaufen der körpereigenen Biotech-Pumpe und dem schon gebuchten Trainingslager in einer Waldviertler Reha-Klinik. Bis dahin gilt die alte Galgenhumor-Weisheit: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Ich werde beides tunlichst ausschlagen.