Es ist soweit: Bald müssen die Kinder wieder in die Schule, die Abgeordneten ins Parlament und die Trauben ins Fass. Der Herbst steht also vor der Tür und der Sommer neigt sein müdes Haupt gen Boden. Deshalb noch schnell ein Blick zurück und die Frage: Wo waren wir? Kroatien, Kärnten oder Kritzendorf?

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Die Wiener Linien haben es einem ja einfach gemacht, das Fernweh mit dem Nahverkehr zu verbinden. Seit Juli verkünden Plakate die Globalisierung des Naheliegenden: "Wie Ibiza. Nur ohne Oligarchin.", "Wie Miami. Nur mit Käsekrainer.", "Wie Berlin. Nur mit besserem Kaffee." oder "Wie Amsterdam. Nur mit g’scheitem Wein." Nice. Nur ohne Realitätsbezug.

Denn einen klassischen Amsterdamer Coffeeshop kann man in Wien lang suchen und die darin angebotenen (sagen wir mal) "Appettitanreger" bringen einen hierzulande auch nur auf die nächste Polizeistation, wo man auf zahlreiche, ebenso nach unamsterdamer Art verhaftete Fahrradfahrer trifft.

Und Miami? Gibt es in Wien wirklich so viele Exilkubaner, Drogenkuriere, sehr gut betuchte Pensionisten und einmal im Jahr einen Tropensturm? Die Pensionisten vielleicht...

Berlin? Holocaustmahnmal, Reichstag und haufenweise besoffene spanische Touristen?

Und erst recht Ibiza. Das ist doch Klosterneuburg! So betrachtet hätte man auch "Wie Amsterdam. Nur mit mehr zu essen als Pommes." plakatieren können. Oder "Wie Amsterdam. Nur nicht stoned". Oder einfach "Wie Amsterdam. Nur ohne Amsterdam."

Auch lässt sich diese weltgewandte Metaphorik einfachst umdrehen: Paris? Das ist für mich wie die Porzellangasse. Nur mit Franzosen und Eifelturm.

Barcelona? Ottakring. Nur mit Tapas, Meer und der Wurstlprater liegt am Cobenzl.

Italien? Wie Salzburg. Nur freundlich. Schweiz? Bregenz. Nur noch teurer.

Das Ruhrgebiet? Die Obersteiermark. Nur flacher - und noch trauriger.

Und zeugt es nicht von zu kleinem Selbstbewusstsein, sich dauernd an den Ruhm anderer Städte dran zu hängen? Vielmehr sollte man doch offensiv die eigene Stadt ins Zentrum des Vergleichs rücken. Also das "Venedig des Nordens" kennt man ja. Warum also kein "Wien des Südens" ausrufen? Triest würde sich anbieten.

Also her mit dem lokalpatriotischen Weltatlas: Das Kaspische Meer - der Neusiedlersee Asiens. Tschernobyl - Das Zwentendorf Europas. Syrien - Das dritte Lager des Nahen Ostens. Finanzmetropole Frankfurt - Das deutsche Mattersburg. Mount Everest - der Konstantinhügel der Welt.

Und da die Tourismusbranche weltweit darnieder liegt, darf man mit aggressiven Marketingstrategien rechnen. Gut möglich also, dass nächstes Jahr ganz andere Plakate in Wien hängen: "Kommen Sie nach Frankreich. Die Wachau Europas.", "Ferien in Australien. Die Donauinsel des Globus" oder "Besuchen Sie Budapest! Es ist wie Wien, wie es sich HC Strache wünscht."

Aber die Wiener werden sich davon wahrscheinlich nicht beeindrucken lassen und fahren weiterhin ins Hochgebirge (nur ohne Gletscher), in den Amazonas-Urwald (nur ohne Giftschlangen, Piranhas und indigene Völker) oder nach Disneyland (nur ohne Disney) und stehen dann also am Hermannskogel, in der Lobau oder in der Spittelau und sagen: "Mir san Wöd, Oida."