Es ist eigenartig: Je älter ich werde, desto mehr scheue ich die Dunkelheit. Und um so stärker zieht es mich zum Licht. Vielleicht aus Gründen der Selbsterkundung, wie es der schwermütige, hellsichtige Poet Leonard Cohen formuliert hat: "There’s a crack in everything/that’s how the light gets in." Das ist ein bewusst grelles Bild, aber von finaler Tröstlichkeit. Sollten Sie Cohen und seinem Ministranten, also mir, Pathos unterstellen, nistet es in Ihrem eigenen Kopf. Selbst Wahlkampfstrategen in den USA greifen ja gern zur Metapher des ewigen Kampfes Helligkeit gegen Finsternis; der Präsidentschaftskandidat Joe Biden verspricht den Amerikanern gerade ein Ende der dunklen Zeiten.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Gern genommen! Im Alltag ist man ja profanere Inszenierungen gewöhnt. Der Griff zum Lichtschalter (oder, moderner, der Schaltimpuls eines Bewegungssensors) flutet - sofern kein Stromausfall vorliegt - den Raum augenblicklich mit Helligkeit. Ob bis in den letzten Winkel, bleibt freilich eine Frage der Quellen, ihrer Lichtstärke, Ausrichtung und Verteilung. Und des persönlichen Geschmacks. Es soll ja Menschen geben, denen die schattenlose Vollausleuchtung ihres Wohnzimmers mittels ganzer Batterien flackernder Neonröhren eine gewisse Heimeligkeit vermittelt. Ich zähle nicht dazu. Andere wieder vertreiben die private Finsternis mit Kerzen, aber das dürfte im 21. Jahrhundert doch eher Malen-nach-Zahlen-Romantik geschuldet sein. Sie sollten jedenfalls das Smartphone mit der eingespeicherten Kurzwahl der Feuerwehr in Griffweite haben.

Wogegen sich kaum noch Widerstand regt, ist der Siegeszug der LED. Trauerten manche vor einem Jahrzehnt noch der guten alten Glühbirne nach (die tatsächlich ein technisch hoffnungslos veralteter Stromfresser war), so hat sich der Konsument inzwischen - nahezu freudig, möchte ich behaupten - an die wundersamen lichtemittierenden Dioden gewöhnt. Die sind längst in absolut leistbaren Preisregionen Platzhirsche. Der Zwischenschritt quecksilberhaltiger Energiesparlampen ist auch passé. Tisch- und Stehleuchten, Deckenhänger und elegant flache Lampen in allen erdenklichen Formen verwenden heute fast durchwegs LED-Leuchtmittel.

Mit augenfreundlichen Lichtfarben zwischen 2600 und 3500 Kelvin, bis zu 90 Prozent Energieeinsparung, weitgehender Dimmbarkeit und exzellentem Verbaufaktor - die Dioden werden nicht heiß, weil sie kaum Wärme abstrahlen - ist hier tatsächlich branchenweit eine Revolution erfolgt, die auch einmal explizit festgehalten sein soll. "Die Zeiten", lese ich im Katalog des rührigen österreichischen Versandhauses Biber, "da LED-Leuchten lediglich für schummrige Beleuchtung oder bunte Lichterketten gut waren, sind vorbei." Das schreit nach einem Erkundungsausflug zum Fachhändler! Wer Birnen nachtrauert, darf sogenannte Filament-Kerzen ordern, die mittels langezogener Dioden Glühfäden imitieren. Schmucke Sache!

Die Dunkelheit vertreiben alle Leuchtmittel. Radikal. Wenn der hier so deutlich merkbare Fortschritt auch auf andere Bereiche abstrahlt, lässt sich glatt eine hellere Zukunft erahnen.