Wenn die Kunst der Menschenfresserei im Museum für Angst und Schrecken sorgt: Francisco de Goya, "Saturn verschlingt eines seiner Kinder". - © Web Gallery of Art
Wenn die Kunst der Menschenfresserei im Museum für Angst und Schrecken sorgt: Francisco de Goya, "Saturn verschlingt eines seiner Kinder". - © Web Gallery of Art

"Heute treff ich einen Herrn / Der hat mich zum Fressen gern / Weiche Teile und auch harte / Stehen auf der Speisekarte." Womöglich fällt einem zum Thema die deutsche Band Rammstein ein, deren Sänger Till Lindemann im Song "Mein Teil" die Geschichte des Kannibalen von Rotenburg aufnahm. Wahrscheinlicher aber denken wir an "Hänsel und Gretel", den gar schröcklichen Dauerbrenner des Genres in unserem sogenannten Kulturraum. Schließlich ließ das Märchen der Brüder Grimm Generationen von Heranwachsenden nicht nur deshalb schlecht schlafen, weil der drohende Verzehr von im finsteren Wald ausgesetzten Kindern schlicht dazu einlädt - sondern auch, weil das "Happy End" für ein Happy End etwas seltsam ausfällt. Die alte Hexe wird bei lebendigem Leib in den Ofen geschoben. Hurra!

Eventuell haben wir im Prado in Madrid Francisco de Goyas Gemälde "Saturn verschlingt eines seiner Kinder" bewundert (und uns danach durch beklemmende Albträume geschwitzt). Und bestimmt können wir uns auch noch an "Das Schweigen der Lämmer" mit Anthony Hopkins in seiner Paraderolle erinnern. Als Dr. Hannibal Lecter gab der britische Schauspieler den Obergenussguru und gastrosophischen Feinspitz unter den Menschenfressern. "Einer dieser Meinungsforscher wollte mich testen. Ich genoss seine Leber mit ein paar Fava-Bohnen, dazu einen ausgezeichneten Chianti."

Homo homini lupus - der Mensch ist dem Menschen Wolf (oder so ähnlich): Gebräuchlich wurde der Begriff des Kannibalen durch Christoph Kolumbus, eigenhändig dokumentiert wurden entsprechende Beobachtungen im Rahmen seiner Neuseelandreise 1773 auch von Captain James Cook. Frühe Spuren allerdings führen die Forschung zurück bis zum Homo antecessor, der bereits vor 900.000 Jahren auf unserer - nicht immer schönen - Erde lebte.

Längst wurden zur Einordnung Kategorien gefunden ("mythisch begründeter", "religiöser", "ritueller Kannibalismus"), und auch im Tierreich ist das Phänomen hinlänglich erforscht. Die grausame Gottesanbeterin etwa verschlingt ihren Sexualpartner beim Geschlechtsakt bisweilen nicht nur metaphorisch, sondern tatsächlich - Freuds Kastrationsangst wirkt vergleichsweise lachhaft.

Neu ist seit dieser Woche hingegen die Erkenntnis, dass es sich durchaus lohnt, mit Kannibalen verwandt zu sein. Wissenschaftern der Humboldt Universität Berlin und der amerikanischen Princeton University zufolge haben Menschfresser meist keinen Gusto auf ihre eigene Familie. Vielleicht kennt man das selbst: Ein Opa, der bellt, beißt nicht.

Dass auch ein Neuzugang in der Abteilung für Kochbücher einen kannibalischen Hintergrund hat, darf übrigens bezweifelt werden. Eher wird hier der Lektor Schuld am Titel tragen: "Kinder backen mit Christina".