Alle wissen inzwischen, dass das Wort Virus hochsprachlich ein Neutrum, kein Maskulinum ist: "das Virus" und nicht "der Virus". Wirklich alle? Ein Universitätsprofessor in Vancouver hat in einem wissenschaftlichen Beitrag mit dem Titel "Österreichisches Deutsch oder Deutsch in Österreich" die Form "der Virus" zur österreichischen Identität erklärt. Das Maskulinum sei ein Austriazismus. Der Professor heißt Stefan Dollinger, er ist Oberösterreicher und hat in Kanada eine wissenschaftliche Karriere hingelegt. Dass es im ORF seit Auftauchen der Krankheit "das Virus" heißt, und zwar durch eine interne Festlegung und "nach einigem Hin und Her", ärgert
ihn.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Dollinger ist ein unkonventioneller Wissenschafter, einer der pointiert formuliert. Zunächst zitiert er ein Gedicht des österreichischen Ex-Diplomaten Ferdinand Trauttmannsdorff. Es wurde in der Ö1-Sendung "Leporello" vorgetragen: "(...) Die Wissenschaft und Journalisten / nennen ihn noch immer ,das‘. / Wollen wir beenden nun sein Wüten, / hilft keine Impfung, kein Erlass. / (...) Drum g’scheite Leut‘, denkts endlich nach! / (...) Lasst ihn um Gottes Willen sein ,der‘, / dann braucht er uns nicht weiter hassen. / Dann hat er wieder seine Ehr’, / und kann dann auch sein Wüten lassen, / denn dann ist er auch wieder
wer."

Das holpert, ist aber originell. Auch Dollinger vertritt die Meinung, dass wir Österreicher im Gegensatz zu den Deutschen von Natur aus auf "der Virus" programmiert sind. Als Belege bringt er Zitate von Politikern - von Hannes Androsch, von dem "volksnahen Bürgermeister Michael Ludwig" und von Innenminister Karl Nehammer. Auch Dollingers Bruder, der China-Korrespondent des ORF, soll im persönlichen Gespräch die maskuline Form verwenden. Außerdem belegt Stefan Dollinger seine These mit Zitaten aus österreichischen Zeitungen und Inseraten.

Das alles reicht nicht aus, natürlich muss er empirisches Material nachlegen. Er vergleicht die Häufigkeiten von "das Virus" und "der Virus" auf google.at und google.de. Sein Befund: Die neutrale Form kommt zwar in beiden Ländern auf eine Mehrheit, aber in Deutschland fällt diese Mehrheit satter aus als in Österreich. Daher sei "der Virus" ein Austriazismus.

Ich kann dem nicht folgen. In der Sprache der Mediziner, Pharmazeuten und Biologen heißt es immer "das Virus". Außerdem wissen alle Bildungsbürger und alle, die sich noch an den Lateinunterricht erinnern, dass das lateinische Wort "virus" ein Neutrum ist. Hätte sich der ORF auf "der Virus" festgelegt, wäre er belächelt worden. Denn nur umgangssprachlich und nur als Minderheitenprogramm wird Virus zu einem Maskulinum. Dies gilt grosso modo für den gesamten deutschen Sprachraum, wie aus Zeitungsdatenbanken ersichtlich ist.

Ein Google-Check scheitert auch daran, dass Virus zwei Bedeutungen hat. Als Krankheitser-
reger ist der Ausdruck fast immer ein Neutrum. Die Viren, die unsere Computer bedro-
hen, sind hingegen immer maskulin.

Nein, "der Virus" ist kein Austriazismus. Und auch wenn wir Trauttmannsdorff folgen und das Wort zu einem Maskulinum erklären - die virale Bedrohung wäre nicht schlagartig zu Ende.