Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Das ganze Leben ist, wie wir alle wissen, immer eine Frage der Perspektive. Davon gibt es grundsätzlich zwei: Die erste ist die Rückschau, aus der die Wegmarkierungen sozusagen retrospektiv geordnet werden, also dass die gestrige Zukunft die heutige Gegenwart ist.

Nun ist es aber gleichzeitig auch so, das ist die zweite Perspektive, dass die heutige Gegenwart gestrige Vergangenheit ist, und die setze ich jetzt aus beruflicher Sicht auf 1970 an. Im Sommersemester jenes Jahres trat ich an einer Universität im Norden Deutschlands meine erste Assistentenstelle an. Die Ewigkeit, auf die diese Karriere angelegt war, endete regelkonform mit der Altersgrenze, jenseits derer man als Universitätsprofessor von seinen Aufgaben entbunden wird, wenngleich, wie allgemein bekannt, akademische Berufe, solange es die geistige Gesundheit zulässt, kein irgendwie institutionell geprägtes Ende finden. So machen viele meiner Zunft weiter.

Auch ich mache weiter, betreue Studierende, nicht mehr so viele wir früher, aber immerhin. Und wie früher sind die, deren Betreuung mir und den Kolleginnen und Kollegen anvertraut sind, im Durchschnitt um die 23 Jahre alt. So war es 1970, als ich selbst in diesem Alter war, und so ist es jetzt. Immer waren und sind da 23 Jahre alte junge Leute mit einer Ewigkeit vor sich.

Das führt zu Erinnerungen an die "Summer Schools", zu denen sich an sonnigen Wochenenden in Bildungsstätten - meist ehemalige Jagdschlösser - die zu den jeweiligen Zeitpunkten durchschnittlichen 23-Jährigen einfanden. Um diese Erinnerungen immer wieder mal zu beleben, gab es hin und wieder Reunions, wie man das so nennt. Denn eine Frage bewegte alle: Wie ist es den jeweils anderen ergangen? Sind die Zukunftsvisionen von damals eingetroffen? Die Antwort war immer einfach und eindeutig: Es erfüllten sich zwar unglaublich viele "Zukünfte", aber eigentlich entsprach keine den Vorstellungen, die man sich als 23-Jährige zurechtgelegt hatte.

Auch meine nicht, trotz der regelhaften Karrierevorgaben. Zum Beispiel führte sie ins damals ungeahnte digitale Zeitalter, ganz allmählich und fortan immer schneller. Von Lochkarten, die in Riesenrechnern gestanzt wurden, und seltsamen Schreibautomaten mit Farbband (erinnert sich jemand an die "Brother"?), über die ersten handtaschengroßen Mobiltelefone bis hin zu Kommunikationsplattformen mit milliardenfachen Just- in-time-Kontakten.

Da treffen wir uns nun, täglich, die 23-Jährigen von damals und die von heute, auf beruflichen Plattformen wie Xing, Linked-in und so weiter, wo jeder kleine Wechsel in der Karriere sofort sichtbar wird. So weiß ich nun endlich, dass viele meiner Absolventinnen und Absolventen, die ich da treffe, heute sichtlich mehr verdienen als ich. Nun gut, das war ja ein Ziel der Ausbildung und meine Aufgabe. Aber ein wenig irritierend ist es doch. Vor allem, wenn die als Start-up-Gründer mit 23 Jahren schon Millionäre sind.