Ich sitze im Schanigarten eines recht bekannten Kaffeehauses in der Wiener Innenstadt. In diesem Garten saß ich schon, als ich noch Student gewesen bin. Das Kaffeehaus hat sich in all den Jahren unglaublich gut gehalten. Schon vor Corona waren kaum Touristen da. Der einzige Unterschied zu damals: Damals waren wir die ohne Geld im Sack. Diesmal sind es die anderen.
Ein junger Mann, ganz sicher kein Österreicher, aber doch ein junger Mann, dem es offensichtlich an Vielem fehlt, hält mir die abgenudelte Ausgabe einer alten Obdachlosenzeitung entgegen. Ob ich die nicht kaufen will. Hinter ihm steht noch einer, der ganz offenbar den Rückzug deckt. Gleich kommt der Kellner mit der Frittatensuppe. Ich freue mich auf die Frittatensuppe. Den Bettler scheuche ich mit einer Handbewegung weg.
Eine ekelhafte Geste, die mir gleich danach sehr peinlich ist. So ein Mensch möchte ich nicht sein. Ich frage meine Begleitung, ob sie mir einen Euro borgen kann. Die beiden jungen Männer haben den Satz gehört. Die Gäste an den umliegenden Tischen auch. Sie schauen mich sehr böse an. Die jungen Männer schauen hoffnungsvoll. Gerade kommt der Kellner. Natürlich ohne Frittatensuppe. Aber dafür doch mit kräftig Aggression im Blick. Endlich hat meine Begleitung einen Euro gefunden.
Einen Moment noch bitte, deute ich zum Kellner, einen Moment, bevor Sie den jungen Mann verscheuchen, habe ich einen Euro für ihn. Der Kellner schaut mich an, als ob ich der Gutmensch persönlich wäre. Er kann Gutmenschen nicht leiden. Das sieht man dem Kellner deutlich an. Um die Situation zu entschärfen, frage ich, was mit der Frittatensuppe ist. Der Kellner beherrscht sich und geht ab. Die Gäste an den umliegenden Tischen schauen immer noch sehr böse.
Minuten später kann ich mich über die Suppe gar nicht mehr so richtig freuen. Ich bin der Volksverräter im Schanigarten. Plötzlich überfällt mich ein seltsames Gefühl. Ich meine, der Kellner hat in die Frittaten gespuckt. Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher. Die Suppe lasse ich stehen.