Schön! Oma und Opa sitzen da, erzählen von früher und - wenn sie sich noch leiden können - haben plötzlich feuchte Augen, werden verlegen und gackern in sich hinein wie zwei frisch Verliebte, weil sie sich gerade erinnern, wie es damals war. Wie sie sich kennengelernt haben, wer was wem wie gesagt hat und wie sie dann . . . aber das geht euch nichts an, Kinder. Ja, herrlich ist es, in der Vergangenheit zu schwelgen. In der Romantik der Trümmerhaufen, dem Zauber der Lebensmittelmarken und dem aufregenden Knistern im Moment des Stromausfalls.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Das ist harmlos. Auch wenn dabei die Wirklichkeit zwischen Bombenruinen, Lebensmittelknappheit und Energieengpässen ausgeblendet wird . . . sollen sie doch ein wenig nostalgisch sein. Wem tut das schon weh? Anders ist es, wenn die Nostalgie in Regierungskreisen ankommt. Ist es denn ein Zufall, dass jetzt schon zum zweiten Mal jemand Bundeskanzler ist, der aussieht wie ein fescher k.u.k. Offizier? Wenn so mancher könnte, wie er wollte, würde er die Militärgrenze am Balkan wiedererrichten. Quasi ein Leutnant Ungustl. Oder wenn etwa Wladimir Putin davon träumt, ein riesiges Land in ein Museum vergangener Geheimdienstorganisationen wie des KGB oder der Ochrana zu verwandeln, dann ist das keine kleine Leidenschaft für Historisches, Vergangenes und Kaputtes, sondern eher der Serviervorschlag eines Kaputt-Tees. (Merkt man gar nicht, wie lang ich an diesem sehr spontanen Wortspiel gearbeitet habe).

Vielleicht hat ja auch deshalb die FPÖ damals unter HC Strache und Norbert Hofer ein "Arbeitsübereinkommen" mit der Kreml-Partei geschlossen. Damit aus dem Wodka-Red-Bull kein Wodka-Dead-Bull wird. (Auch wieder ziemlich locker, die Pointe, was?) Aber damit ist der menschenfreundlichste russische Herrscher seit Ivan dem Schrecklichen nicht allein. So soll der erdowahnsinnige türkische Präsident (und schon wieder 5 Euro in die Wortspielkassa) für Süleiman den Prächtigen schwärmen. Verständlich. Dieser osmanische Herrscher gilt als weitblickend, weise und hat seinem Imperium Wohlstand und Ansehen verschafft. Das sind lauter Eigenschaften und historische Bewertungen, die zukünftigen Generationen zu Recep the Rumpelstilzchen ziemlich sicher nicht einfallen werden. Also bemüht er sich, wenigstens griechisches Gas zu geben. Ein echter Gasperl. (Noch einer! Heute rennt’s.) Aber der nostalgischste aller Nostalgismus-Anhänger ist natürlich Donald "great again" Trump. Der wär so gern wieder im Wilden Westen zuhause, wo man ungestraft auf Mexikaner schießen durfte, Schwarze in Ketten legen und Frauen über die Schulter werfen und nach Hause tragen (alles belegt in Dokumentationsfilmen mit John Wayne), dass er auf so neuartige Herausforderungen wie weltweite Pandemien souverän reagiert wie ein Achtjähriger. Er macht die Augen zu. Und erzählt das auch noch einem Reporter der "Washington Post" aufs Band. Woher sollte er es auch besser wissen, im Wilden Westen gab’s ja auch noch keine Aufnahmegeräte. Nur Peitschen.

Merke: Politische Nostalgie ist gefährlich. Das letzte Mal etwa, als man kollektiv vom Mittelalter geträumt hat, gab’s am Ende . . . ? Genau: Trümmerhaufen. Darüber könnten Oma und Opa auch was erzählen.