Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Unlängst fand sich unsere ehemalige Schulklasse zu einem fast runden Maturatreffen zusammen. Anekdoten à la "Weißt du noch, wie damals der Mathe-Lehrer ..." erzählen wir uns schon lange nicht mehr. Dafür kam etwa die Frage auf, ob Wien zu unserer Schulzeit wirklich so grau und fad gewesen sei, wie dies so oft behauptet wird. Noch Anfang der 90er Jahre hatte mir ein Freund, der kurz zuvor von Deutschland nach Wien übersiedelt war, gestanden, dass er bei seiner Ankunft über den Anblick der Gebäude erschrocken sei.

Okay, es gab zu unserer Zeit noch kein Bermudadreieck, keine U-Bahn und viele Häuser waren tatsächlich nicht besonders ansehnlich. Auch war die Zahl der Lokale, die bis in die Nacht hinein offenhielten, überschaubar. Da gab es in der Innenstadt die Wunderbar, das Kleine Café und noch ein paar andere Zufluchtstätten, und in ein Nachtlokal setzten wir ohnehin keinen Fuß. Rückte Mitternacht näher, so konnte man sich entscheiden zwischen einem hurtigen Gang zur letzten Straßenbahn, einem Fußmarsch nach Hause, wenn Letztere nicht mehr zu erreichen oder soeben abgefahren war, oder einem Wechsel in die Gräfin am Naschmarkt, um am Morgen die erste Bim nach Hause zu besteigen. Die U-Bahn war noch ein paar Jahre und der Nachtbus ein paar Jahrzehnte weit weg.

Allerdings war das Ausgehen damals unter jungen Leuten ohnedies noch nicht so verbreitet. Viel eher trafen wir uns zu Wohnungspartys, bei denen es in vielerlei Hinsicht recht turbulent zuging. Zu unserem Glück verhielten sich die von übelwollenden Nachbarn herbeigerufenen Polizisten meist nachsichtig, mahnten oft ab, straften selten, und einige fügten sich sogar harmonisch in das bunte Treiben ein. Sobald es an der Tür klingelte und durch das Guckloch die Vertreter des Gesetzes ausgemacht waren, traten ein paar fesche Mädchen hinaus, drückten ihr tiefes Bedauern über die Störung aus und baten die Herren in Uniform herein. Diesen wurden Getränke angeboten, die Mädchen forderten sie zum Tanzen auf, und manches Polizeikapperl saß plötzlich auf dem Kopf einer jungen Dame.

Untertags traf man auf der Kärntner Straße, die in dieser Zeit zur Fußgängerzone erklärt worden war, Waluliso in seinem weißen Umhang mit dem Apfel in der Hand, die alte Saxofonspielerin, die in ihrer Jugend Zirkusartistin gewesen war, und den Akkordeonspieler mit der Fistelstimme. Und vor dem Abgang zur öffentlichen Toilette am Graben stand verlässlich Pepi mit seiner Drehorgel und der Meerkatze auf der Schulter.

Im ferneren Ausland, wozu mitunter bereits Frankreich zählte, war Österreich allenfalls als die Heimat von Niki Lauda und Wien als die Stadt des Walzers bekannt, den wir dank Elmayer, Dick Roy oder Dr. Demel mehr oder weniger meisterhaft tanzten. Natürlich: Wir waren hier aufgewachsen und der Zustand der Häuser fiel uns daher nicht auf - aber fad, so das Resümee auf unserer Maturafeier, war uns damals nie.