Caligula-Büste aus der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen. - © Louis le Grand
Caligula-Büste aus der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen. - © Louis le Grand

Es war ein schwerer Schlag für die Organisatoren der "Sagra delle fragole", des großen Erdbeerfestes im süditalienischen Städtchen Nemi, als Corona heuer die für Juni geplante 87. Auflage der Festlichkeiten unmöglich machte. Berühmt geworden ist Nemi allerdings nicht nur durch seine köstlichen Walderdbeeren, sondern durch einen einzigartigen archäologischen Fund am Grund jenes Sees, der unterhalb der Stadt im Krater eines erloschenen Vulkans liegt.

Die Gegend war seit Urzeiten ein heiliger Ort, der dann auch von den Römern als Kultplatz genutzt wurde: Sie verehrten hier rund um eine heilige Eiche die Göttin Diana, die nicht nur für die Jagd, sondern auch für die Fruchtbarkeit zuständig sein konnte und daher immer wieder von Frauen mit Kinderwunsch angerufen wurde. Für die Herrscher Roms war der heilige Hain bedeutsam, da der Zweig, den ihr sagenhafter Stammvater Aeneas vor seinem Abstieg in den Hades pflückte, von der Eiche in Nemi gestammt haben soll.

Kein Wunder also, dass das Heiligtum der Diana Nemorensis Förderer in höchsten Kreisen fand. Einer von ihnen war Caligula, der im Jahr 37 n. Chr. den römischen Kaiserthron bestiegen hatte und sich bald durch einen zunehmend autokratischen Herrschaftsstil auszeichnete. Am Nemisee ließ der umstrittene Kaiser eines seiner übersteigerten Großprojekte realisieren: In seinem Auftrag bauten römische Ingenieure zumindest zwei riesige Schiffe, auf denen ein Tempel der Diana und ein ganzer Palast für Caligula selbst Platz fanden. Die Maße dieser Schiffe waren mit über 70 Metern Länge und rund 20 Metern Breite mehr als beeindruckend. Dies umso mehr, als der Durchmesser des fast kreisrunden Nemisees kaum einen Kilometer beträgt. Die Ermordung Caligulas dürfte auch das Ende der schwimmenden Pracht bedeutet haben, da man von offizieller Seite bestrebt war, alle Zeichen seiner Herrschaft zu tilgen.

Immer wieder hatten Fischer antike Überreste aus dem See geborgen, doch erst in den frühen 1930er Jahren wurde der See künstlich trockengelegt, um die Prunkschiffe auf Betreiben des Diktators Mussolini zu bergen und schließlich in einem eigens errichteten Museum auszustellen. Allerdings gingen die einzigartigen Funde schon wenige Jahre später in den Wirren des Zweiten Weltkrieges in Flammen auf.

Jüngste Untersuchungen der wenigen erhaltenen Überreste der Schiffe zeigen, dass Caligulas schwimmende Paläste mit der modernsten Technik ihrer Zeit ausgestattet waren. Manche Forscher meinen daher, dass sich am Nemisee eine Art antike Testwerft zur Verbesserung von Kriegsschiffen befand, deren Errungenschaften in der römischen Kriegsmarine Verwendung fanden.