"Oft wird die Sprachwissenschaft mit den Ungereimtheiten der Rechtschreibreform oder der sehr zweifelhaften und unsinnigen Kürung der Wörter des Jahres (Wort, Unwort, schönstes Wort usw.) assoziiert", schreibt der Sprachwissenschafter André Meinunger in "Sick of Sick?" - eine Antwort auf die Kolumnen und Bücher von Bastian Sick. Dabei seien die Ziele der Linguistik ganz anders als das Vorschreiben dessen, was man zu sagen habe und was man nicht in den Mund nehmen dürfe. Die Sprache schafft sich ihre eigenen Gesetze, die Wissenschafter versuchen diese zu verstehen und zu beschreiben. Welche Wortbildungen und Formen sind möglich und akzeptiert, welche nicht?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ich habe vor einigen Jahren an dieser Stelle eine Lanze für das Wort "Testung" gebrochen. Wörter, die mit der Nachsilbe -ung enden, gelten als stilistisch unfein, denn das Amtsdeutsch schwelgt in derartigen Substantivbildungen. Aber manchmal sind sie sinnvoll.

Inzwischen können wir - Corona sei Dank - mit dieser Nominalableitung zum Verb "testen" etwas anfangen. Für mich hat sich damals die Sachlage so dargestellt: Mit "Testung" ist der Prozess gemeint, das Wort "Test" beschreibt das Resultat des Vorgangs. Im Großen und Ganzen stimmt das auch. Es sollte eine Rehabilitierung für den Ausdruck "Testung" sein.

Hier einige Beispiele aus der aktuellen Berichterstattung: "Es kann nicht sein, dass man x Tage auf den Test wartet." Gemeint ist das Testergebnis. "Verdachtspersonen sollen nicht mit den Öffis zur Testung fahren." In diesem Fall ist der Vorgang gemeint. Aber grau, teurer Freund, ist alle Theorie. "Jetzt sollen Tests beim Hausarzt möglich sein." In diesem Fall geht es primär um den Vorgang, nicht um das Ergebnis.

Ich habe den Eindruck, dass "Test" ein Allzweckwort ist, es wird für beides gebraucht. "Testung" verwenden wir, wenn der Vorgang betont werden soll, nicht das Ergebnis. Wenn es allerdings darum geht, ein spezifisches Verfahren zu beschreiben, muss unbedingt "Test" stehen: "Abstrichtest", "Gurgeltest". In diesem Fall wäre "Testung" nicht akzeptabel.

Das Wort "Test" ist in der heutigen Verwendung aus dem Englischen entlehnt, war aber schon früher in Gebrauch. Im Spätmittelhochdeutschen verstand man darunter laut "Kluges etymologischem Wörterbuch" einen Probiertiegel - von der lateinischen "testa" (= Scherbe, Geschirr).
Die Form "Testung" ist jung und frisch.

Oft ist bei diesen Wörtern aus dem Zusammenhang ersichtlich, ob ein Prozess oder ein Ergebnis gemeint ist. "Die Übersetzung war für ihn harte Arbeit." Versus: "Die Übersetzung hat 300 Seiten." Manche Nominalisierungen bezeichnen fast ausschließlich Prozesse, andere nur Resultate, zum Beispiel "Bereifung" und "Kopfbedeckung".

Bastian Sick meinte, "Bevölkerung" sei kein Sammelbegriff wie "Volk", sondern beschreibe den Vorgang des Bevölkerns - ein Irrtum. Er kannte übrigens nicht das bei den Rechten inzwischen beliebte Wort "Umvolkung", das einen Prozess suggerieren soll.

Die unterschiedlichen Bedeutungen sind manchmal schwer nachzuvollziehen. Sagt der Sohn zum Vater: "Bitte gib mir Geld! Ich habe hohe Unterhaltungskosten." Wollte er "Unterhaltskosten" sagen?