Das Problem mit der Wahrheit ist, dass es davon immer mindestens zwei gibt. Eigentlich drei. Vier, fünfzehn, achtzehn, . . . tausend, drei Millionen. . . Also so viele Wahrheiten, wie Menschen an der Diskussion beteiligt sind. Also Minimum etwas über sieben Milliarden. Der größte Fehler der Wahrheit ist ihr Singular. Wahrheit gibt es in Wahrheit nur im Plural: Wahrheiten.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne".

Nehmen wir die aktuelle Pandemie. Die einen sagen, das wäre nur eine harmlose Grippe, die anderen haben Angst, daran zu sterben. Und was ist wahr? Beides.

Je nach Konstitution, Alter und Immunsystem kriegen manche Infizierte gar nicht mit, dass sie sich mit Covid-19 angesteckt haben, während andere wochenlang auf der Intensivstation um ihr Leben ringen und vielleicht ein Bein verlieren. Es geht also nicht um Wahrheit, sondern um Wahrscheinlichkeit. Daraus zu folgern, dass Corona völlig harmlos ist, ist natürlich so schlau, wie wenn man in einen Korb voller unterschiedlicher Pilze hineingreift, einen isst und anschließend sagt: "Schaut’s her, ich bin gesund, die sind alle ungiftig!" Da wird man auf Gegenmeinungen stoßen. Es gibt eben mehr als eine Wahrheit da draußen.

Und nicht nur außerhalb, bei den Sautrotteln und Hirnederln, vulgo in der "Gesellschaft", herrscht Wahrheitspluralismus. Nein, selbst im singulären Individuum sind mehrere Wahrheiten versenkt. Nur heißt Wahrheit da plötzlich "Identität". Und auch die gibt es nämlich nicht in der Einzahl. Außer bei Amöben. Und die teilen sich auch gleich wieder. Jedes Lebewesen, das höher entwickelt ist als diese Einzeller (und hiermit schließe ich ausdrücklich meinen Nachbarn ein, auch wenn ich mir dabei nicht ganz sicher bin), hat mehr als eine Daseinsform. Glauben Sie nicht?

Nehmen wir eine ganz normale Hausgans. Die ist ein Vogel. Aber auch ein Eierproduzent, ein Wirbeltier, ein Daunenspender, ein Weihnachtsbratenausgangsmaterial und ein Lebergeber. Je nachdem, wie man sie betrachtet. Und hier ist das Selbstbild der Gans noch gar nicht berücksichtigt.

Und ist also die lesbischwulqueertransgender Person an der Haltestelle in diesem Moment nicht auch nur Fahrgast und ärgert sich über den D-Wagen, der wieder einmal nicht kommt? Oder Konsument eines Internetportals für Haushaltselektronik und hängt in der "Hot Line" (wo man kaltgestellt wird), um zu erfahren, ob das Bestellte diese Woche noch vom Hafen in Rotterdam nach Wien-Alsergrund geliefert wird?

Und findet sich nicht auch der glühendste Verteidiger des Abendlands (also da, wo es immer dunkel ist) bisweilen als Patient eines Urologen (möglicherweise aus dem Morgenland) wieder? Oder ist ein andermal nur Steuerzahler, verzweifelter Ikea-Kunde mit Inbusschlüssel oder Toiletten-User ohne Klopapier? Sind Katholiken, Protestanten oder Muslime manchmal nicht auch nur Bauarbeiter, IT-Fachkräfte oder Familienmitglieder? Oder gar - jetzt wird’s hart! - Menschen?

Ein Verdacht drängt sich auf: Wer auf einer einzigen Identität (und damit auf einer Wahrheit) beharrt, macht sich geistig zur Amöbe. Dann möge er oder sie oder es sich aber auch bitte auf das Teilen verlegen.

Und zwar sich, nicht auf Facebook.