Machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, das Coronavirus verhielte sich nicht so uneindeutig, wie es der Fall ist, sondern wäre absolut tödlich. Ähnlich der Pest im Mittelalter. Der Mensch hätte - abseits kompletter Isolation - nur eine einzige Chance zu überleben: bei Ansteckung binnen weniger Stunden einen komplexen medizinischen Prozess zu durchlaufen. Am Schluss stünde eine immunisierende, langzeitwirksame Impfung. Die Voraussetzung für das rettende Procedere wäre ein eindeutig positiver Test; die Testung erfolgte im Fall des leisesten Verdachts. Oder auch nur bei hypothetischer Gefährdung durch Kontakte und Personen, die ihrerseits zu Verdachtsfällen geworden wären.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Würden sich die Menschen dann so verhalten, wie sie sich verhalten? (Pardon: Ich nehme hier die ganze Menschheit in gedankliche Geiselhaft, in Wirklichkeit handelt es sich immer nur um Teilmengen der humanoiden Spezies). Ich meine: nein. Viele würden sich, Pardon!, bis übers Kreuz anscheißen vor Angst. Und Realitätsverweigerern jeglicher Couleur wäre kein langes Leben beschieden. Das Virus würde nicht unterscheiden zwischen Schuldigen und Unschuldigen, kritischen und unkritischen Geistern, zwischen Politpredigern, Impfgegnern, Covid-Leugnern, prominenten Esoterikern und selbsternannten Medizinmännern, US-Staatspräsidenten und sonstigen Schwadroneuren. Sondern einfach seiner Bestimmung nachgehen. Seiner einzigen, tödlichen Bestimmung.

Alleine die Vorstellung eines solchen Szenarios ist ungemütlich. Wir (minus eine Million Corona-Opfer weltweit) können von Glück reden, dass die Pandemie harmloser verläuft. Warum aber Mitbürgerinnen und Mitbürger immer noch nicht kapieren (wollen), dass viele Maßnahmen, die sich Experten zur präventiven Bekämpfung der Verbreitung der Krankheit einfallen lassen, zu ihrem Schutz gedacht sind, will mir partout nicht in den Schädel. Wie kommt jemand etwa ernsthaft auf die Idee (und beschwert sich dann lautstark ausgerechnet auf Facebook, Twitter & Co. darüber), dass der Wirt ums Eck seinen Namen, seine Telefonnummer oder seine Mail-Adresse umgehend weiterverkauft, wenn er ihn auf einen Zettel kritzelt? Paranoiker und Witzbolde, die kühl lächelnd "Rudi Ratlos" hinschreiben - kein Mensch überprüft diese Angaben -, wird man freilich im Fall des Falles nicht warnen können. Nicht einmal vor sich selbst.

Nun ist natürlich ein papierenes Formular mehr in einer Reihe gut gemeinter, freilich oft patscherter Maßnahmen auch kein Ausweis allumfassend kompetenter und wirksamer Staatsfürsorge. Aber, nochmals sorry!, besser als ein Stein am Schädel. Dass viele privat initiative Wirte und IT-Fachleute im Jahr des Herrn 2020 schon zeitgemäßere Lösungen gestrickt haben - manche funktionieren mit QR-Codes, manche noch eleganter via App -, sollte den Politikern und Kammerfunktionären, die stehsatzmäßig eine österreichische "Digitaloffensive" im Mund führen, zu denken geben. Und wenn wir schon dabei sind: Was wurde eigentlich aus der Contact-Tracing-App des Roten Kreuzes? Es gibt Gerüchte, sie könnte mittlerweile sogar funktionieren. Ernsthaft.